Ärztinnen und der Ärztemangel: Kreative Wege aus der Sackgasse
Hohes Potenzial an qualifizierten Ärztinnen ist eine Zukunftsperspektive für die Medizin
Köln, 20.08.2003
Das Potenzial, den drohenden Ärztemangel abzuwenden, ist längst da. Den bis jetzt ca. 3 100 unbesetzten ärztlichen Stellen stehen ca. 20 000 hoch qualifizierte Medizinerinnen zwischen 26 und 59 Jahren gegenüber, die ihren Beruf nicht ausüben. Viele Ärztinnen würden aktuell und in Zukunft ihren Beruf nicht für Erziehungspflichten aufgeben, wenn die Rahmenbedingungen familiengerechter wären. Neben der Wahl alternativer Berufsfelder beobachten wir die Flucht ins Ausland, weil z.B. Wissenschaftlerinnen feststellen, dass sich in den USA Forschung und Familie viel besser kombinieren lassen oder andere Ärztinnen die familienfreundlichen Arbeitsbedingungen in Skandinavien vorziehen.
Das Problem des Ärzte- und Ärztinnenmangels sitzt tief und ist systemimmanent. Trotz immer leerer werdenden Kassen im öffentlichen Gesundheitswesen leistet sich Deutschland im Bereich Medizin den Luxus, dass Frauen (sie stellen mittlerweile ca. 60 % der Medizinstudierenden) gut und teuer aus- und weitergebildet sind und dennoch nach dem ersten Kind häufig dem Berufsleben nicht mehr zur Verfügung stehen - zum Nachteil für die Patienten und Patientinnen. Und selbst Ärztinnen ohne Kinder bleibt allzu oft der Karriereweg versperrt: Nach wie vor männerdominierte Universitätshierarchien machen es Medizinerinnen schwer oder sogar unerreichbar, Führungspositionen zu erhalten. So verschiebt sich spätestens mit der abgeschlossenen fachärztlichen Weiterbildung die anfangs gleichmäßige Verteilung extrem zu Gunsten der Männer. Insgesamt sind 40 % aller Mediziner Ärztinnen. Der Frauenanteil in leitenden Funktionen beträgt 7 % und bei den LehrstuhlinhaberInnen in klinischen Universitätsabteilungen nur noch 2,8 %.
Dieses bis jetzt brachliegende Potenzial an qualifizierten Medizinerinnen sollte genutzt werden. "Die wirtschaftlichen Zwänge und neue Erkenntnisse zur Notwendigkeit einer geschlechtersensiblen Krankenversorgung fordern eine Umorientierung. Kein Krankenhaus kann es sich mittlerweile mehr erlauben, sein Kollegium gut und teuer weiter zu bilden und dann die Hälfte der Ressourcen, Ideen und Kreativität fallen zu lassen. Das stellt eine Verschwendung dar, die gesamtwirtschaftlich unvernünftig, ineffizient und auch unethisch ist. Moderne Berufskarrieren müssen gleichermaßen für Ärztinnen und Ärzte möglich sein," so Dr. Astrid Bühren, Präsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes e.V. (DÄB).
Noch lassen sich alte Muster nur schwer aufbrechen. So umkreist hartnäckig im Deutschland des 21. Jahrhunderts das Schreckgespenst "Rabenmutter" die Frauen, die trotz Kindern wieder arbeiten und eine Karriere anstreben. Weiterhin gilt das Dogma, Kinder müssten mindestens bis zum Alter von drei Jahren ganztags von ihren Müttern betreut werden, ansonsten drohe ein nicht wieder gut zu machendes traumatisches Erlebnis. Dies ist wissenschaftlich widerlegt, wurde in der DDR und wird auch in unseren Nachbarländern anders praktiziert. Eines der Resultate all dieser anachronistischen Bedingungen und Vorurteile ist, dass ca. 40 % der Akademikerinnen keine Kinder haben. Mittlerweile gehört Deutschland zu den Schlusslichtern in Europa im Bereich Ganztagsschulen, Anteil an berufstätigen Frauen, Frauen in Führungspositionen und vor allem in bezug auf die Geburtenrate.
Kreativität ist gefragt, um die alten Denkschablonen abzulegen: Noch immer gilt die Chirurgie als Männerdomäne, noch immer bedeutet der Arztberuf, sich Tag und Nacht für die Patienten aufzuopfern und so "seinen Mann" zu stehen und noch immer gelten Familie und eine leitende Position nur für Ärztinnen als unvereinbar. Dr. Bühren: "Wir brauchen eine zeitgemäße Gesundheits-, Wissenschafts-, Frauen- und Berufspolitik, wir brauchen Rahmenbedingungen, die die Bedürfnisse der Menschen im 21. Jahrhundert berücksichtigen. Nur so können in Zukunft Männer und Frauen Karriere und Familie miteinander vereinbaren." Dazu gehören gendergerechte Leitungs- und Managementkonzepte, gleichberechtigte Aufstiegschancen in der Medizin, flexible Arbeitszeitmodelle und arbeitszeitkompatible Kinderbetreuung an klinikeigenen und öffentlich geförderten Kindergärten.
Zur Unterstützung der ins Berufsleben startenden umworbenen Ärztinnen und Ärzte hat der Deutsche Ärztinnenbund (DÄB) in diesem Sommer eine Checkliste Weiterbildung erstellt. Die DÄB-Checkliste enthält fünf Themenbereiche wie z.B. Standortentscheidung, Arbeitsplatz und Vorstellungsgespräch, in denen die entscheidenden Punkte für die Auswahl der individuell passenden Weiterbildungsstätte aufgelistet werden. Inzwischen beginnen Ärztekammern, Kassenärztliche Vereinigungen und andere Organisationen Wiedereinstiegskurse anzubieten und für eine familienfreundlichere Flexibilisierung der Arbeitsbedingungen in Klinik und Praxis zu plädieren. Ebenso ist die Stichtagsregelung zur Abschaffung der ÄIP/AIP-Zeit mit sofortiger Wirkung zum 1. Oktober 2004 oder früher ein wichtiger Schritt, um den Arztberuf für die Medizinerinnen und Mediziner wieder attraktiver zu machen.
Es ist höchste Zeit, sich den Problemen, aber auch den Chancen des neuen Jahrtausend zu stellen. Dr. Bühren: "Die Medizin muss weiblicher werden, einschließlich einer neuen Worklife-Balance, die neben Beruf und Familie auch Freizeit umfasst. Medizinstudentinnen brauchen weibliche Vorbilder in Klinik, Praxis und Wissenschaft, so dass eine lebenslange Berufstätigkeit für sie selbstverständlich sein wird. Die alten Muster haben ausgedient!"
Der Deutsche Ärztinnenbund fordert daher eine moderne und genderorientierte Gesundheits-, Wissenschafts-, Familien- und Berufspolitik:
Köln, 20.08.2003
Das Potenzial, den drohenden Ärztemangel abzuwenden, ist längst da. Den bis jetzt ca. 3 100 unbesetzten ärztlichen Stellen stehen ca. 20 000 hoch qualifizierte Medizinerinnen zwischen 26 und 59 Jahren gegenüber, die ihren Beruf nicht ausüben. Viele Ärztinnen würden aktuell und in Zukunft ihren Beruf nicht für Erziehungspflichten aufgeben, wenn die Rahmenbedingungen familiengerechter wären. Neben der Wahl alternativer Berufsfelder beobachten wir die Flucht ins Ausland, weil z.B. Wissenschaftlerinnen feststellen, dass sich in den USA Forschung und Familie viel besser kombinieren lassen oder andere Ärztinnen die familienfreundlichen Arbeitsbedingungen in Skandinavien vorziehen.
Das Problem des Ärzte- und Ärztinnenmangels sitzt tief und ist systemimmanent. Trotz immer leerer werdenden Kassen im öffentlichen Gesundheitswesen leistet sich Deutschland im Bereich Medizin den Luxus, dass Frauen (sie stellen mittlerweile ca. 60 % der Medizinstudierenden) gut und teuer aus- und weitergebildet sind und dennoch nach dem ersten Kind häufig dem Berufsleben nicht mehr zur Verfügung stehen - zum Nachteil für die Patienten und Patientinnen. Und selbst Ärztinnen ohne Kinder bleibt allzu oft der Karriereweg versperrt: Nach wie vor männerdominierte Universitätshierarchien machen es Medizinerinnen schwer oder sogar unerreichbar, Führungspositionen zu erhalten. So verschiebt sich spätestens mit der abgeschlossenen fachärztlichen Weiterbildung die anfangs gleichmäßige Verteilung extrem zu Gunsten der Männer. Insgesamt sind 40 % aller Mediziner Ärztinnen. Der Frauenanteil in leitenden Funktionen beträgt 7 % und bei den LehrstuhlinhaberInnen in klinischen Universitätsabteilungen nur noch 2,8 %.
Dieses bis jetzt brachliegende Potenzial an qualifizierten Medizinerinnen sollte genutzt werden. "Die wirtschaftlichen Zwänge und neue Erkenntnisse zur Notwendigkeit einer geschlechtersensiblen Krankenversorgung fordern eine Umorientierung. Kein Krankenhaus kann es sich mittlerweile mehr erlauben, sein Kollegium gut und teuer weiter zu bilden und dann die Hälfte der Ressourcen, Ideen und Kreativität fallen zu lassen. Das stellt eine Verschwendung dar, die gesamtwirtschaftlich unvernünftig, ineffizient und auch unethisch ist. Moderne Berufskarrieren müssen gleichermaßen für Ärztinnen und Ärzte möglich sein," so Dr. Astrid Bühren, Präsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes e.V. (DÄB).
Noch lassen sich alte Muster nur schwer aufbrechen. So umkreist hartnäckig im Deutschland des 21. Jahrhunderts das Schreckgespenst "Rabenmutter" die Frauen, die trotz Kindern wieder arbeiten und eine Karriere anstreben. Weiterhin gilt das Dogma, Kinder müssten mindestens bis zum Alter von drei Jahren ganztags von ihren Müttern betreut werden, ansonsten drohe ein nicht wieder gut zu machendes traumatisches Erlebnis. Dies ist wissenschaftlich widerlegt, wurde in der DDR und wird auch in unseren Nachbarländern anders praktiziert. Eines der Resultate all dieser anachronistischen Bedingungen und Vorurteile ist, dass ca. 40 % der Akademikerinnen keine Kinder haben. Mittlerweile gehört Deutschland zu den Schlusslichtern in Europa im Bereich Ganztagsschulen, Anteil an berufstätigen Frauen, Frauen in Führungspositionen und vor allem in bezug auf die Geburtenrate.
Kreativität ist gefragt, um die alten Denkschablonen abzulegen: Noch immer gilt die Chirurgie als Männerdomäne, noch immer bedeutet der Arztberuf, sich Tag und Nacht für die Patienten aufzuopfern und so "seinen Mann" zu stehen und noch immer gelten Familie und eine leitende Position nur für Ärztinnen als unvereinbar. Dr. Bühren: "Wir brauchen eine zeitgemäße Gesundheits-, Wissenschafts-, Frauen- und Berufspolitik, wir brauchen Rahmenbedingungen, die die Bedürfnisse der Menschen im 21. Jahrhundert berücksichtigen. Nur so können in Zukunft Männer und Frauen Karriere und Familie miteinander vereinbaren." Dazu gehören gendergerechte Leitungs- und Managementkonzepte, gleichberechtigte Aufstiegschancen in der Medizin, flexible Arbeitszeitmodelle und arbeitszeitkompatible Kinderbetreuung an klinikeigenen und öffentlich geförderten Kindergärten.
Zur Unterstützung der ins Berufsleben startenden umworbenen Ärztinnen und Ärzte hat der Deutsche Ärztinnenbund (DÄB) in diesem Sommer eine Checkliste Weiterbildung erstellt. Die DÄB-Checkliste enthält fünf Themenbereiche wie z.B. Standortentscheidung, Arbeitsplatz und Vorstellungsgespräch, in denen die entscheidenden Punkte für die Auswahl der individuell passenden Weiterbildungsstätte aufgelistet werden. Inzwischen beginnen Ärztekammern, Kassenärztliche Vereinigungen und andere Organisationen Wiedereinstiegskurse anzubieten und für eine familienfreundlichere Flexibilisierung der Arbeitsbedingungen in Klinik und Praxis zu plädieren. Ebenso ist die Stichtagsregelung zur Abschaffung der ÄIP/AIP-Zeit mit sofortiger Wirkung zum 1. Oktober 2004 oder früher ein wichtiger Schritt, um den Arztberuf für die Medizinerinnen und Mediziner wieder attraktiver zu machen.
Es ist höchste Zeit, sich den Problemen, aber auch den Chancen des neuen Jahrtausend zu stellen. Dr. Bühren: "Die Medizin muss weiblicher werden, einschließlich einer neuen Worklife-Balance, die neben Beruf und Familie auch Freizeit umfasst. Medizinstudentinnen brauchen weibliche Vorbilder in Klinik, Praxis und Wissenschaft, so dass eine lebenslange Berufstätigkeit für sie selbstverständlich sein wird. Die alten Muster haben ausgedient!"
Der Deutsche Ärztinnenbund fordert daher eine moderne und genderorientierte Gesundheits-, Wissenschafts-, Familien- und Berufspolitik:
- Konzepte für eine zeitgemäße Worklife-Balance
- Gendergerechte Leitungs- und Managementkonzepte
- Paritätische Aufstiegschancen in der Medizin
- Aktives Um-Denken in Verbänden und Fachgesellschaften
- Flexible Arbeitszeitmodelle
Arbeitszeitkompatible Kinderbetreuung für alle Altersstufen
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Zuletzt bearbeitet 05.08.2004 13:15 Uhr
