Foto: DÄB/Danny Gohlke

Editorial

10.08.2026

Liebe Kolleginnen, liebe Mitglieder des Deutschen Ärztinnenbundes,

es ist für mich als Zahnärztin eine besondere Freude, dieses Editorial für unsere „ärztin“ schreiben zu dürfen. Damit kann ich die Aufmerksamkeit von Ärztinnen unterschiedlicher Fachbereiche auf das Zentrum meiner täglichen Arbeit lenken: den Mundraum mit seinen verschiedenen anatomischen Strukturen sowie deren mögliche Wechselwirkungen mit anderen Bereichen des Körpers.

Wie oft bitten Sie Ihre Patientinnen und Patienten im klinischen oder hausärztlichen Alltag, einfach mal den Mund aufzumachen? Vermutlich oft. Doch meistens gilt der Blick den Tonsillen oder dem Pharynx, eventuell noch der Zunge. Die Zähne und der Zahnhalte-Apparat sowie das Parodontium bleiben allzu oft unbeachtet – ein exklusives Terrain der Zahnmedizin. Doch genau diese Trennung von Medizin und Zahnmedizin wird der physiologischen Realität unserer Patientinnen und Patienten nicht immer gerecht.

Ein gesunder Mund ist weit mehr als der Garant für schöne Zähne und die damit verbundene Ästhetik und Lebensfreude. Er ist die wohl beste und am häufigsten unterschätzte Präventionsstätte für den gesamten Organismus. Die Evidenz der letzten Jahre spricht eine deutliche Sprache: Karies und vor allem Parodontitis sind keine isolierten Lokalerkrankungen. Sie sind chronische, oft systemisch wirkende Entzündungsherde.

Wir wissen heute, dass parodontale Erreger und die damit verbundene systemische Entzündungslast signifikante Auswirkungen auf die Entstehung und Progression von Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben. Die bidirektionale Beziehung zwischen Parodontitis und Diabetes mellitus ist unbestritten: Eine unerkannte Parodontitis erschwert die Blutzuckereinstellung massiv sowie ein schlecht eingestellter Diabetes parodontalen Abbau triggert. Selbst in der Orthopädie zeigt sich: Entzündungen im Kieferbereich können die Gelenkgesundheit und den Erfolg von Endoprothesen gefährden.

Was bedeutet das für uns? Wir müssen interdisziplinärer denken und handeln. Die enge Zusammenarbeit von Hausärztinnen und -ärzten, Kardiologinnen und Kardiologen, Diabetologinnen und Diabetologen sowie Orthopädinnen und Orthopäden mit den zahnärztlichen Kolleginnen und Kollegen ist kein Luxus, sondern medizinische Notwendigkeit.

Die Zahnmedizin hat uns in den letzten 40 Jahren eindrucksvoll gezeigt, wie erfolgreiche Prävention funktioniert: Die Kariesprävalenz ist massiv gesunken. Doch neue Herausforderungen warten, etwa die aufsuchende Betreuung von Pflegebedürftigen oder Menschen mit Handicap. Der demografische Wandel zwingt uns, Prävention neu zu denken.

Lassen Sie uns den Mundraum als das begreifen, was er ist: das Tor zur systemischen Gesundheit. Ein regelmäßiger interdisziplinärer Austausch und die gezielte Überweisung an die Zahnärztin oder den Zahnarzt können die Prognose der eigenen Therapien im eigenen Fachbereich entscheidend verbessern.

Herzliche Grüße

Dr. med. dent. Angelika Brandl-Riedel
Vize-Präsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes