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Ein Lächeln, das tiefer geht

Mundgesundheit als Schlüssel zur ganzheitlichen Prävention

12.08.2026
Schöne, gesunde Zähne stehen in unserer Gesellschaft für Attraktivität, Vitalität und Lebensfreude. Doch der ausschließliche Blick auf die Ästhetik greift zu kurz. Längst hat die medizinische Forschung durch valide Studienergebnisse belegt, dass der Zustand der Mundhöhle weitreichende Konsequenzen für den gesamten Organismus hat. Für uns Ärztinnen bedeutet dies: Ganzheitliche Patientenversorgung darf die Mundgesundheit nicht außer Acht lassen.

Vom lokalen Problem zur systemischen Gefahr

Lange Zeit wurden Zahn- und Munderkrankungen isoliert betrachtet. Heute wissen wir: Mundschleimhaut, Zähne und Zahnhalteapparat haben massiven Einfluss auf viele Bereiche im Körper. Im Zentrum dieser Erkenntnis stehen die beiden Volks-Munderkrankungen Karies und Parodontitis. Insbesondere die Parodontitis, eine chronische Entzündung des Zahnhalteapparates, wirkt weit über den Mundraum hinaus. Hierdurch werden in einem schubweise über Jahre oder Jahrzehnte verlaufenden Prozess Gewebe und Knochen zerstört, wodurch der Halt des Zahnes beeinträchtigt wird. Dieser Prozess kann bei aggressivem Verlauf z. B. durch immunsupprimierende Allgemeinerkrankungen (Leukämie, HIV) in wenigen Wochen oder Monaten ohne eine entsprechende Therapie zum Verlust von Zähnen führen, auch wenn diese frei von Karies oder Füllungen waren. Allerdings gibt es unterschiedliche Schweregrade und Verläufe der Parodontitis, abhängig von der genetischen Disposition der Patientinnen und Patienten sowie von der Resilienz des Immunsystems, das durch zahlreiche innere und äußere Faktoren beeinflusst wird.

Risikofaktoren, die den Verlauf der Erkrankung beeinflussen, sind folgende:
  • Erbliche Veranlagung steht insbesondere bei jüngeren Patientinnen und Patienten in Verbindung mit einer rasch voranschreitenden Parodontitis.
  • Bei Nikotinabusus besteht ein zwei- bis siebenfach erhöhtes Risiko, an Parodontitis zu erkranken. Durch das Rauchen wirken neben dem Nikotin noch diverse andere Stoffe und Hitze auf die Gingiva (Zahnfleisch) ein. Es findet eine Gefäßverengung statt, wodurch Zahnfleischbluten als typisches
    Symptom unterdrückt wird. Die Betroffenen erkennen die chronische Erkrankung somit nicht mehr frühzeitig. Erfolgsaussichten durch eine Parodontalbehandlung sind bei Raucherinnen und Rauchern stark vermindert.
  • Menschen mit Diabetes mellitus haben ein deutlich erhöhtes Risiko, an einer Parodontitis zu erkranken. Die hohen Blutzuckerwerte bei schlecht eingestelltem Diabetes schwächen die Abwehrkräfte, wodurch die Entzündungen häufiger auftreten und schlechter ausheilen.
  • Psychischer Stress kann durch die reduzierte Abwehrfähigkeit des Organismus eine Parodontitis beschleunigen.
  • Hormonelle Umstellungen, z. B. durch Schwangerschaft, können die Gingiva entzündungsanfälliger machen.
  • Medikamente, z. B. Antihypertensiva, Antikonvulsiva oder Immunsuppressiva, können zu Hypertrophien des Zahnfleisches führen, wodurch Pseudo-Zahnfleischtaschen entstehen, die für die Betroffenen kaum zu reinigen sind und damit eine Parodontitis begünstigen.
Bei Parodontitis entzünden sich die Gewebe, die den Zahn im Kiefer verankern
Die parodontalpathogenen Keime und inflammatorischen Zytokine gelangen während einer Parodontitis über die hochvaskularisierte Gingiva in die Blutgefäße. Dort bewirken sie eine Veränderung des Endothels und fördern somit entzündliche Reaktionen. Dies kann zu einer verstärkten Blutgerinnsel-Bildung mit Thrombosegefahr neben den systemischen Entzündungsreaktionen führen. Die Auswirkungen auf den gesamten Körper sind gravierend:
  • Das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse wie Herzinfarkt und Apoplex steigt messbar.
  • Bei Diabetikerinnen und Diabetikern erschwert eine unbehandelte Parodontitis die glykämische Kontrolle; umgekehrt beschleunigt Diabetes den parodontalen Gewebeabbau.
  • In der Orthopädie (z. B. Fokus-Suche bei Gelenkbeschwerden oder vor TEP-Implantationen) spielen orale Entzündungen eine relevante Rolle.

Interdisziplinäre Zusammenarbeit als Gebot der Stunde

Diese systemischen Verflechtungen machen deutlich, warum die Zusammenarbeit von Zahnärztinnen und -ärzten mit anderen Fachdisziplinen so essenziell ist: Eine Hausärztin, die den schlecht eingestellten Diabetiker zum zahnärztlichen Screening schickt, ein Kardiologe, der vor einer Endokarditis warnt, oder eine Orthopädin, die vor einer Gelenkersatz-Operation Entzündungsfreiheit im Kiefer fordert – sie alle profitieren von einem interdisziplinären Netzwerk. Nur wenn Medizin und Zahnmedizin Hand in Hand arbeiten, können wir die systemische Entzündungslast unserer Patientinnen und Patienten effektiv senken.

40 Jahre Prävention: Eine beispiellose Erfolgsgeschichte

Ein Blick auf die Entwicklung der Mundgesundheit stimmt überaus positiv. In den letzten 40 Jahren ist es den Zahnärztinnen und -ärzten gelungen, in Zusammenarbeit mit den Gesundheitsämtern und Krankenkassen die orale Gesundheit der Bevölkerung in Deutschland durch systematische Prävention (Fluoridierung, Gruppen- und Individualprophylaxe, Aufklärung) erheblich zu verbessern. Die Karieslast bei Kindern und Jugendlichen ist auf einen Bruchteil früherer Werte ge-sunken. Zähne bleiben heute bis ins hohe Alter erhalten – eine Entwicklung, die die Zahnmedizin stolz als Vorreiter der Präventivmedizin positioniert.

Fokus auf vulnerable Gruppen: Kinder, Senioren und Menschen mit Handicap

Trotz dieser Erfolge muss Prävention kontinuierlich ange-passt werden. Bei Kindern geht es heute vor allem um frühkindliche Karies sowie um das Erreichen sozial benachteiligter Schichten, in denen sich die Karieslast konzentriert.

Eine wachsende Herausforderung ist die Prävention für Menschen im Alter und solche mit Handicap. Wenn im hohen Alter die Feinmotorik schwieriger wird, die Demenz voranschreitet oder Pflegebedürftigkeit eintritt, wird ausreichende Mundhygiene schwierig. Da immer mehr Seniorinnen und Senioren ihre eigenen, oft mit Implantaten und Zahnersatz versorgten Zähne bis ins hohe Alter behalten, steigt das Risiko für Wurzelkaries und schwere Parodontitiden. Aufsuchende Betreuungskonzepte sowie die Schulung von Pflege­personal sind von enormer Wichtigkeit, um Schmerzen, Mangelernährung und durch orale Bakterien ausgelöste Aspirationspneumonien zu verhindern.

Prävention rechnet sich

Einsparungen durch Präventionserfolge spiegeln sich in den Gesundheitsausgaben wider. Betrachtet man den Kostenanteil der Zahnmedizin an den Gesamtkosten der medizinischen Versorgung in Deutschland, zeigt sich ein interessantes Bild: Während die allgemeinen Gesundheitsausgaben kontinuierlich steigen, ist der Anteil der zahnärztlichen Versorgung an den GKV-Ausgaben in den letzten Jahrzehnten umgekehrt proportional gesunken und betrug 2025 nur noch ca. 5 % (Jahrbuch 2025 der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung).

Die 6. Deutsche Mundgesundheitsstudie (DMS6 2026) be-
stätigt, dass sich Morbidität in der Zahnmedizin in höhere
Altersgruppen verschiebt. Die Kosten für klassische Füllungstherapien und Zahnersatz sinken bei jüngeren Kohorten weiter, während sich der therapeutische Fokus auf parodontale Erhaltungstherapien und die Betreuung vulnerabler Gruppen im Alter verlagert. Die Zahnmedizin beweist damit eindrucksvoll: Konsequente Prävention ist der beste Schutz für den Körper und langfristig der effektivste Weg, das Gesundheitssystem ökonomisch zu entlasten.

Ein gesunder Mund ist die beste Prävention. Für viele ärztli-
che Fachbereiche bedeutet dies, im Praxisalltag häufiger die interdisziplinäre Brücke zur Zahnmedizin zu schlagen. Denn wer den Mundraum in die ganzheitliche Diagnostik und Therapie einbezieht, schützt seine Patientinnen und Patienten weit über die Zähne hinaus.

Dr. med. dent. Angelika Brandl-Riedel ist Vize-Präsidentin des DÄB und Vorstandsvorsitzende des DZV (Deutscher Zahnärzte Verband).

E-Mail: angelika-brandl-naceta@t-online.de


Literaturangaben