Ärztinnen in Lifestyle-Teilzeit? Von wegen!

Deutscher Ärztinnenbund fordert strukturelle Reformen statt Einschränkung von Teilzeitarbeit

10.02.2026
Der Deutsche Ärztinnenbund (DÄB) wendet sich entschieden gegen politische Ideen zur Einschränkung des Rechtsanspruchs auf Teilzeitarbeit. Angesichts des zunehmenden Ärztinnen- und Ärztemangels braucht das Gesundheitswesen mehr Flexibilität, nicht weniger. Gleichzeitig macht der DÄB deutlich: Der hohe Anteil von Teilzeitarbeit unter Ärztinnen ist kein individuelles „Lifestyle-Phänomen“. Er ist zum einen Ausdruck struktureller Rahmenbedingungen, die Vollzeitarbeit für viele Frauen erschweren (z. B. fehlende Betreuungsangebote). Zum anderen ist die hohe Teilzeitquote die Folge steuerlicher Fehlanreize, die eine Erhöhung der Stundenzahl für viele Frauen finanziell unattraktiv machen.

Der Vorschlag des wirtschaftspolitischen Flügels der CDU, den Rechtsanspruch auf Teilzeitarbeit einzuschränken, geht an der Versorgungsrealität im Gesundheitswesen vorbei und würde insbesondere Ärztinnen unverhältnismäßig stark treffen. Außerdem greift die Debatte zu kurz, wenn sie individuelle Entscheidungen problematisiert, statt zugrunde liegende Strukturen in den Blick zu nehmen. Viele Frauen reduzieren ihre Arbeitszeit nicht aus „Lifestyle“-Gründen. Vielmehr liegt der Entscheidung ein Zusammenspiel aus wenig flexiblen Arbeitszeitmodellen, unzureichenden Kinderbetreuungsangeboten sowie steuerlichen Fehlanreizen zugrunde.

Im ärztlichen Bereich zeigt sich dieses Muster besonders deutlich: Mangelnde und unzuverlässige Kinderbetreuungsangebote, insbesondere zu Rand- und Bereitschaftsdienstzeiten, machen Vollzeitarbeit für viele Ärztinnen faktisch unmöglich. Teilzeitarbeit ist für viele Ärztinnen in diesem Kontext keine Komfortentscheidung, sondern die einzige Möglichkeit, Familie und Beruf überhaupt miteinander zu vereinbaren. Und selbst wenn die Betreuungssituation geregelt ist, lohnt sich eine Erhöhung der Arbeitszeit für viele verheiratete Frauen kaum. Aufgrund des Ehegattensplittings wirken sich zusätzliche Arbeitsstunden oftmals nur wenig positiv auf das verfügbare Einkommen aus. Ein weiterer Hinderungsgrund für eine Erhöhung der Arbeitszeit – auch für Ärztinnen.

Der DÄB kritisiert die Vorschläge, den Rechtsanspruch auf Teilzeitarbeit einzuschränken, ausdrücklich. „Teilzeitarbeit ist kein Ausdruck mangelnder Leistungsbereitschaft, sondern eine rationale Antwort auf strukturelle Defizite. Sie ist für viele Ärztinnen die Voraussetzung, um überhaupt im Beruf zu bleiben“, betont Prof. Dr. med. Barbara Puhahn-Schmeiser, Co-Präsidentin des DÄB. Jana Pannenbäcker, ebenfalls DÄB-Co-Präsidentin ergänzt: „Statt zu problematisieren und die Verantwortung auf Einzelne zu schieben, sollten endlich die erforderlichen Rahmenbedingungen angepasst werden. Wer dem Fachkräftemangel im Gesundheitswesen ernsthaft begegnen will, muss die Strukturen verändern – nicht die Menschen.“

Der Deutsche Ärztinnenbund plädiert daher für eine politische Neuausrichtung weg von symbolischen Debatten und hin zu strukturellen Lösungen. Der DÄB fordert:
  • den Erhalt und Ausbau flexibler Arbeitszeitmodelle in Klinik, Praxis und Weiterbildung,
  • eine nachhaltige Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf durch den bedarfsgerechten Ausbau staatlicher Kinderbetreuungsangebote,
  • den Abbau steuerlicher Fehlanreize, wie des Ehegattensplittings, das traditionelle Rollenbilder fördert und insbesondere Frauen benachteiligt, die nach dem Mutterschutz wieder arbeiten möchten
  • eine vollständige steuerliche Anerkennung und vereinfachte Nutzung haushaltsnaher Dienstleistungen,
  • eine politische Debatte, die sich an den strukturellen Ursachen von Teilzeitarbeit und an der Realität der medizinischen Versorgung orientiert.
Teilzeitarbeit ist kein Hindernis für eine gute Gesundheitsversorgung – sie ist für viele Ärztinnen Voraussetzung dafür.