Gender Pain Gap – ein gesellschaftliches Problem?
Die Krankenhausreform unter Gender-Gesichtspunkten am Beispiel der Schmerzmedizin
Positionen des Deutschen Ärztinnenbundes
Was bedeutet die Krankenhausreform am Beispiel der Schmerzmedizin?
Chronische Schmerzen betreffen in Deutschland laut Deutscher Schmerzgesellschaft e.V. rund 23 Millionen Menschen und gehören zu den häufigsten Ursachen für Einschränkungen von Lebensqualität und Arbeitsfähigkeit. Bis zu 70 Prozent der Menschen, die unter chronischen Schmerzen leiden, sind weiblich (Pfleiderer 2024). Die Schmerzbelastung nimmt in vielen Ländern zu. Zu diesem wachsenden Gesundheitsproblem steht in bemerkenswertem Widerspruch: in der geplanten Krankenhausreform ist die Schmerzmedizin nicht berücksichtigt.
Spezialisierte Schmerzmedizin: Notwendiger Baustein der Versorgung
Chronische Schmerzen sind weit verbreitet, statistisch gesehen leidet jede/jeder fünfte Deutsche darunter. Wird der Schmerz für Patientinnen und Patienten zum Mittelpunkt des Denkens und Handelns, hat er psychische und soziale Folgen; dann wird er zu einem eigenen Krankheitsbild. Maßnahmen der Akutmedizin greifen häufig zu kurz, führen sowohl auf ärztlicher/therapeutischer Seite, als auch bei Patientinnen und Patienten zu Frustration und Hilflosigkeit. Die Expertise der Schmerzmedizin stellt hier eine notwendige Versorgungsstruktur bereit, die häufig die einzige Antwort für Betroffene ist.
Um diesen hochkomplexen Patientinnen und Patienten gerecht zu werden, bedarf es einer spezialisierten ambulanten und stationären Versorgungsstruktur, die mit hoher diagnostischer und therapeutischer Kompetenz individuelle, evidenzbasierte Behandlungsszenarien realisiert und begleitet. Der wissenschaftlich etablierte Therapieansatz ist ein „Multimodaler Behandlungsplan“. Dieses Vorgehen findet Berücksichtigung in der „Qualitätssicherungsvereinbarung Schmerztherapie“ der Bundesärztekammer (BÄK) sowie in den vorzuhaltenden Strukturmerkmalen an den Schmerzkliniken. Chronifizierung wird dabei als ein reversibler Prozess gesehen (neuronale Plastizität), d. h. die Therapien verfolgen, vereinfacht gesagt, eine Modifikation von Gedächtnisprozessen. Ziel ist die Senkung der Schmerzen auf ein akzeptables Niveau, eine Verbesserung der Lebensqualität und das Erlernen eines eigenverantwortlichen und selbstwirksamen Umgangs mit dem Schmerz. Das erfordert interdisziplinäre Teams, psychotherapeutische Kompetenz, koordinierte multimodale Behandlungsprogramme und spezifische schmerztherapeutische Qualifikation, sowohl im ambulanten aber unbedingt auch im stationären Setting.
Gibt es einen „Gender Pain Gap“?
Chronische Schmerzen treten bei Frauen deutlich häufiger auf als bei Männern. Bis zu 70 Prozent der Betroffenen sind weiblich. Studien zeigen, dass Frauen generell mehr unter Schmerzen leiden als Männer. Sie sind schmerzempfindlicher und entwickeln häufiger chronische Schmerzen, da die Schmerzverarbeitung sensibler ist, was wiederum eine Chronifizierung der Schmerzen begünstigt. Die Ursachen dafür sind vielfältig und bisher nicht gut wissenschaftlich erforscht. Faktoren scheinen unter anderem die genetische Veranlagung, hormonelle Aspekte, soziokulturelle Faktoren und Schmerzerfahrungen in der Vergangenheit (z. B. auch Traumatisierungen) zu sein.
Der Deutsche Ärztinnenbund (DÄB) macht sich für eine Medizin stark, in der geschlechtsspezifische Aspekte berücksichtigt werden. Dies gilt auch für Schmerzleiden. So stand bereits der 29. Wissenschaftlichen Kongress des DÄB im Jahr 2005 unter dem Motto „Oh Schmerz, lass nach – Gleiche Krankheit, anderer Schmerz“. Die damalige Verbandspräsidentin Dr. med. Astrid Bühren (mittlerweile DÄB-Ehrenpräsidentin) forderte, geschlechtsspezifische Gesichtspunkte bei Schmerzen zu stärken. Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Bettina Pfleiderer, Leiterin der Arbeitsgruppe „Cognition & Gender“ an der Klinik für Radiologie der medizinischen Fakultät der Universität Münster, forderte in ihrem Exzellenzvortrag zum Auftakt des Deutschen Schmerz- und Palliativtags 2024 eine gendergerechte Forschung und Therapie im Bereich Schmerzmedizin. Nicht nur empfinden Frauen und Männer Schmerzen unterschiedlich, auch Schmerzmedikamente wirken geschlechtsabhängig. In Studien zur Untersuchung von Schmerzmitteln spiegelt sich das Geschlechterverhältnis jedoch selten wider.
Obwohl – oder gerade, weil – Frauen so viel häufiger von Schmerzen betroffen sind, wird der weibliche Schmerz in der Medizin und in unserer Gesellschaft systematisch unterschätzt. Thematisiert wird das in dem aktuell erschienen Buch „Unversehrt. Frauen und Schmerz“ der Journalistin Eva Biringer, für das sie den NDR-Sachbuchpreis 2025 erhalten hat. Sie macht unter anderem in ihrem Buch deutlich, dass Schmerzen bei Frauen häufig Folge von Gewalt und gesellschaftlicher Ungleichbehandlung sind (Eva Biringer: „Unversehrt. Frauen und Schmerz“, HarperCollins, 22.10.2024, ISBN: 978-3-365-00798-3).
Die schmerzmedizinische Versorgung ist gefährdet
Rund 23 Millionen Menschen in Deutschland leiden an chronischen Schmerzen. 4 Millionen von ihnen sind besonders schwer betroffen. Patientinnen und Patienten warten aktuell zwei bis fünf Jahre, bis die Schmerzkrankheit erkannt und adäquat behandelt wird. Es besteht also schon jetzt eine strukturelle Unterversorgung.
Nun erhöht sich der Druck massiv, denn im geplanten Krankenhausreformanpassungsgesetz (KHAG) ist die Schmerzmedizin nicht als eigene Leistungsgruppe vorgesehen. Aus Sicht von Fachleuten kann die Schmerzmedizin aber inhaltlich keiner anderen Leistungsgruppe adäquat zugeordnet werden, wie etwa der Inneren Medizin oder der Chirurgie. Denn die Schmerzmedizin deckt eine Vielzahl von Krankheitsbildern ab: chronische Rückenleiden, rheumatische Erkrankungen, Tumorschmerz, Fibromyalgie, Somatisierungsstörungen, Migräne- und Kopfschmerzen, Polyneuropathien, Phantomschmerzen, Endometriose und auch seltene Erkrankungen, wie z. B. das Ehlers-Danlos-Syndrom oder Morbus Fabry. Zudem haben andere Fachbereiche völlig andere Prozessabläufe, Geräteanforderungen und Personalstrukturen. Das für die spezielle Schmerzmedizin erforderliche und etablierte multimodale Behandlungsprogramm mit interdisziplinären Teams wäre nicht gegeben.
Befürchtet wird aber nicht nur ein Rückgang der Behandlungskapazitäten um bis zu 40 Prozent (laut Deutscher Schmerzgesellschaft). Hinzu kommt die Nachwuchs- und Qualifikationsfrage: Fällt klinische Expertise in diesem Versorgungsbereich weg, droht Kompetenzverlust (für Lehre und Forschung) und wird Behandlungsmöglichkeit auch dadurch weiter ausgedünnt.
Da häufiger Frauen von chronischen Schmerzen betroffen sind, hätte das dramatische Folgen für die Frauengesundheit und ihre gesellschaftliche Teilhabe und Gleichberechtigung. Denn nicht nur haben Frauen deutlich höhere Schmerzraten, sie verfügen oft über geringere Ressourcen, um lange Wartezeiten oder private Alternativen zu kompensieren. Durch die strukturelle Schwächung dieser spezialisierten Versorgung verstärkt sich die bestehende Ungleichheit.
Es sollte in unserem Interesse liegen, die Schmerzmedizin zu erhalten. Denn durch eine frühzeitige schmerzmedizinische Anbindung werden nicht nur individuelle Krankheitsverläufe positiv beeinflusst. Zudem werden häufig kostenintensive Mehrfachdiagnostik, frustranes „Ärztinnen- und Ärzte-Hopping“, unnötige Operationen, Komplikationen und psychische Komorbiditäten vermieden und somit das akutmedizinische System entlastet. Erhebliche indirekte Kosten durch Arbeitsunfähigkeit und Frühberentung können reduziert werden.
Zusammengefasst lässt sich sagen: Schmerz ist beeinflussbar – durch eine möglichst frühzeitige, passgenaue Therapie und eine gute Versorgungsstruktur. Daher muss das Thema Schmerz in der gesundheitspolitischen Planung zur Krankenhausreform als eigenständiger Versorgungsbereich mit spezifischen Anforderungen berücksichtigt werden. Denn es gibt dringenden Versorgungbedarf – insbesondere für Frauen. Schmerz verschwindet nicht, wenn er ignoriert wird. Schmerz verlagert sich in stille Leidensgeschichten der Betroffenen, in soziale Not, in gesellschaftliche Ungleichheit, in volkswirtschaftliche Folgekosten.
Positionen des Deutschen Ärztinnenbundes zum Thema
Der Deutsche Ärztinnenbund (DÄB) fordert die Bundesregierung daher auf, im geplanten Gesetzentwurf zur Umsetzung der im Koalitionsvertrag vereinbarten Anpassungen des Krankenhausreformanpassungsgesetz (KHAG) eine zukunftsfähige Regelung für die Schmerzmedizin zu schaffen und sie als eigenständigen Versorgungsbereich anzuerkennen – insbesondere mit Blick auf die Frauengesundheit und gesundheitliche Chancengleichheit.
„Eine frühzeitige spezialisierte Behandlung kann Chronifizierung verhindern, unnötige Diagnostik und Operationen reduzieren sowie psychische Begleiterkrankungen vermeiden“, so Jana Pannenbäcker, Co-Präsidentin des DÄB. „Gleichzeitig sinken indirekte Kosten durch Arbeitsunfähigkeit und Frühberentung. Die Schmerzmedizin ist daher nicht nur medizinisch, sondern auch gesundheitsökonomisch von zentraler Bedeutung.“
Prof. Dr. med. Barbara Puhahn-Schmeiser, ebenfalls Co-Präsidentin des DÄB ergänzt: „Schmerz verschwindet nicht, wenn er strukturell ignoriert wird. Ohne ausreichende Versorgung verlagert er sich in individuelle Leidensgeschichten, soziale Einschränkungen und volkswirtschaftliche Belastungen. Eine moderne Gesundheitspolitik muss dem wachsenden Bedarf an spezialisierter Schmerztherapie Rechnung tragen.“
Februar 2026
Dr. med. Tonia Iblher
Fachärztin für Allgemeinmedizin, Spezielle Schmerztherapie
Chronische Schmerzen betreffen in Deutschland laut Deutscher Schmerzgesellschaft e.V. rund 23 Millionen Menschen und gehören zu den häufigsten Ursachen für Einschränkungen von Lebensqualität und Arbeitsfähigkeit. Bis zu 70 Prozent der Menschen, die unter chronischen Schmerzen leiden, sind weiblich (Pfleiderer 2024). Die Schmerzbelastung nimmt in vielen Ländern zu. Zu diesem wachsenden Gesundheitsproblem steht in bemerkenswertem Widerspruch: in der geplanten Krankenhausreform ist die Schmerzmedizin nicht berücksichtigt.
Spezialisierte Schmerzmedizin: Notwendiger Baustein der Versorgung
Chronische Schmerzen sind weit verbreitet, statistisch gesehen leidet jede/jeder fünfte Deutsche darunter. Wird der Schmerz für Patientinnen und Patienten zum Mittelpunkt des Denkens und Handelns, hat er psychische und soziale Folgen; dann wird er zu einem eigenen Krankheitsbild. Maßnahmen der Akutmedizin greifen häufig zu kurz, führen sowohl auf ärztlicher/therapeutischer Seite, als auch bei Patientinnen und Patienten zu Frustration und Hilflosigkeit. Die Expertise der Schmerzmedizin stellt hier eine notwendige Versorgungsstruktur bereit, die häufig die einzige Antwort für Betroffene ist.
Um diesen hochkomplexen Patientinnen und Patienten gerecht zu werden, bedarf es einer spezialisierten ambulanten und stationären Versorgungsstruktur, die mit hoher diagnostischer und therapeutischer Kompetenz individuelle, evidenzbasierte Behandlungsszenarien realisiert und begleitet. Der wissenschaftlich etablierte Therapieansatz ist ein „Multimodaler Behandlungsplan“. Dieses Vorgehen findet Berücksichtigung in der „Qualitätssicherungsvereinbarung Schmerztherapie“ der Bundesärztekammer (BÄK) sowie in den vorzuhaltenden Strukturmerkmalen an den Schmerzkliniken. Chronifizierung wird dabei als ein reversibler Prozess gesehen (neuronale Plastizität), d. h. die Therapien verfolgen, vereinfacht gesagt, eine Modifikation von Gedächtnisprozessen. Ziel ist die Senkung der Schmerzen auf ein akzeptables Niveau, eine Verbesserung der Lebensqualität und das Erlernen eines eigenverantwortlichen und selbstwirksamen Umgangs mit dem Schmerz. Das erfordert interdisziplinäre Teams, psychotherapeutische Kompetenz, koordinierte multimodale Behandlungsprogramme und spezifische schmerztherapeutische Qualifikation, sowohl im ambulanten aber unbedingt auch im stationären Setting.
Gibt es einen „Gender Pain Gap“?
Chronische Schmerzen treten bei Frauen deutlich häufiger auf als bei Männern. Bis zu 70 Prozent der Betroffenen sind weiblich. Studien zeigen, dass Frauen generell mehr unter Schmerzen leiden als Männer. Sie sind schmerzempfindlicher und entwickeln häufiger chronische Schmerzen, da die Schmerzverarbeitung sensibler ist, was wiederum eine Chronifizierung der Schmerzen begünstigt. Die Ursachen dafür sind vielfältig und bisher nicht gut wissenschaftlich erforscht. Faktoren scheinen unter anderem die genetische Veranlagung, hormonelle Aspekte, soziokulturelle Faktoren und Schmerzerfahrungen in der Vergangenheit (z. B. auch Traumatisierungen) zu sein.
Der Deutsche Ärztinnenbund (DÄB) macht sich für eine Medizin stark, in der geschlechtsspezifische Aspekte berücksichtigt werden. Dies gilt auch für Schmerzleiden. So stand bereits der 29. Wissenschaftlichen Kongress des DÄB im Jahr 2005 unter dem Motto „Oh Schmerz, lass nach – Gleiche Krankheit, anderer Schmerz“. Die damalige Verbandspräsidentin Dr. med. Astrid Bühren (mittlerweile DÄB-Ehrenpräsidentin) forderte, geschlechtsspezifische Gesichtspunkte bei Schmerzen zu stärken. Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Bettina Pfleiderer, Leiterin der Arbeitsgruppe „Cognition & Gender“ an der Klinik für Radiologie der medizinischen Fakultät der Universität Münster, forderte in ihrem Exzellenzvortrag zum Auftakt des Deutschen Schmerz- und Palliativtags 2024 eine gendergerechte Forschung und Therapie im Bereich Schmerzmedizin. Nicht nur empfinden Frauen und Männer Schmerzen unterschiedlich, auch Schmerzmedikamente wirken geschlechtsabhängig. In Studien zur Untersuchung von Schmerzmitteln spiegelt sich das Geschlechterverhältnis jedoch selten wider.
Obwohl – oder gerade, weil – Frauen so viel häufiger von Schmerzen betroffen sind, wird der weibliche Schmerz in der Medizin und in unserer Gesellschaft systematisch unterschätzt. Thematisiert wird das in dem aktuell erschienen Buch „Unversehrt. Frauen und Schmerz“ der Journalistin Eva Biringer, für das sie den NDR-Sachbuchpreis 2025 erhalten hat. Sie macht unter anderem in ihrem Buch deutlich, dass Schmerzen bei Frauen häufig Folge von Gewalt und gesellschaftlicher Ungleichbehandlung sind (Eva Biringer: „Unversehrt. Frauen und Schmerz“, HarperCollins, 22.10.2024, ISBN: 978-3-365-00798-3).
Die schmerzmedizinische Versorgung ist gefährdet
Rund 23 Millionen Menschen in Deutschland leiden an chronischen Schmerzen. 4 Millionen von ihnen sind besonders schwer betroffen. Patientinnen und Patienten warten aktuell zwei bis fünf Jahre, bis die Schmerzkrankheit erkannt und adäquat behandelt wird. Es besteht also schon jetzt eine strukturelle Unterversorgung.
Nun erhöht sich der Druck massiv, denn im geplanten Krankenhausreformanpassungsgesetz (KHAG) ist die Schmerzmedizin nicht als eigene Leistungsgruppe vorgesehen. Aus Sicht von Fachleuten kann die Schmerzmedizin aber inhaltlich keiner anderen Leistungsgruppe adäquat zugeordnet werden, wie etwa der Inneren Medizin oder der Chirurgie. Denn die Schmerzmedizin deckt eine Vielzahl von Krankheitsbildern ab: chronische Rückenleiden, rheumatische Erkrankungen, Tumorschmerz, Fibromyalgie, Somatisierungsstörungen, Migräne- und Kopfschmerzen, Polyneuropathien, Phantomschmerzen, Endometriose und auch seltene Erkrankungen, wie z. B. das Ehlers-Danlos-Syndrom oder Morbus Fabry. Zudem haben andere Fachbereiche völlig andere Prozessabläufe, Geräteanforderungen und Personalstrukturen. Das für die spezielle Schmerzmedizin erforderliche und etablierte multimodale Behandlungsprogramm mit interdisziplinären Teams wäre nicht gegeben.
Befürchtet wird aber nicht nur ein Rückgang der Behandlungskapazitäten um bis zu 40 Prozent (laut Deutscher Schmerzgesellschaft). Hinzu kommt die Nachwuchs- und Qualifikationsfrage: Fällt klinische Expertise in diesem Versorgungsbereich weg, droht Kompetenzverlust (für Lehre und Forschung) und wird Behandlungsmöglichkeit auch dadurch weiter ausgedünnt.
Da häufiger Frauen von chronischen Schmerzen betroffen sind, hätte das dramatische Folgen für die Frauengesundheit und ihre gesellschaftliche Teilhabe und Gleichberechtigung. Denn nicht nur haben Frauen deutlich höhere Schmerzraten, sie verfügen oft über geringere Ressourcen, um lange Wartezeiten oder private Alternativen zu kompensieren. Durch die strukturelle Schwächung dieser spezialisierten Versorgung verstärkt sich die bestehende Ungleichheit.
Es sollte in unserem Interesse liegen, die Schmerzmedizin zu erhalten. Denn durch eine frühzeitige schmerzmedizinische Anbindung werden nicht nur individuelle Krankheitsverläufe positiv beeinflusst. Zudem werden häufig kostenintensive Mehrfachdiagnostik, frustranes „Ärztinnen- und Ärzte-Hopping“, unnötige Operationen, Komplikationen und psychische Komorbiditäten vermieden und somit das akutmedizinische System entlastet. Erhebliche indirekte Kosten durch Arbeitsunfähigkeit und Frühberentung können reduziert werden.
Zusammengefasst lässt sich sagen: Schmerz ist beeinflussbar – durch eine möglichst frühzeitige, passgenaue Therapie und eine gute Versorgungsstruktur. Daher muss das Thema Schmerz in der gesundheitspolitischen Planung zur Krankenhausreform als eigenständiger Versorgungsbereich mit spezifischen Anforderungen berücksichtigt werden. Denn es gibt dringenden Versorgungbedarf – insbesondere für Frauen. Schmerz verschwindet nicht, wenn er ignoriert wird. Schmerz verlagert sich in stille Leidensgeschichten der Betroffenen, in soziale Not, in gesellschaftliche Ungleichheit, in volkswirtschaftliche Folgekosten.
Positionen des Deutschen Ärztinnenbundes zum Thema
Der Deutsche Ärztinnenbund (DÄB) fordert die Bundesregierung daher auf, im geplanten Gesetzentwurf zur Umsetzung der im Koalitionsvertrag vereinbarten Anpassungen des Krankenhausreformanpassungsgesetz (KHAG) eine zukunftsfähige Regelung für die Schmerzmedizin zu schaffen und sie als eigenständigen Versorgungsbereich anzuerkennen – insbesondere mit Blick auf die Frauengesundheit und gesundheitliche Chancengleichheit.
„Eine frühzeitige spezialisierte Behandlung kann Chronifizierung verhindern, unnötige Diagnostik und Operationen reduzieren sowie psychische Begleiterkrankungen vermeiden“, so Jana Pannenbäcker, Co-Präsidentin des DÄB. „Gleichzeitig sinken indirekte Kosten durch Arbeitsunfähigkeit und Frühberentung. Die Schmerzmedizin ist daher nicht nur medizinisch, sondern auch gesundheitsökonomisch von zentraler Bedeutung.“
Prof. Dr. med. Barbara Puhahn-Schmeiser, ebenfalls Co-Präsidentin des DÄB ergänzt: „Schmerz verschwindet nicht, wenn er strukturell ignoriert wird. Ohne ausreichende Versorgung verlagert er sich in individuelle Leidensgeschichten, soziale Einschränkungen und volkswirtschaftliche Belastungen. Eine moderne Gesundheitspolitik muss dem wachsenden Bedarf an spezialisierter Schmerztherapie Rechnung tragen.“
Februar 2026
Dr. med. Tonia Iblher
Fachärztin für Allgemeinmedizin, Spezielle Schmerztherapie

