Honorarkürzungen in der Psychotherapie verschärfen Versorgungskrise: Frauen und Ärztinnen besonders betroffen

15.04.2026

Der Deutsche Ärztinnenbund e.V. (DÄB) kritisiert die beschlossenen Honorarkürzungen für Psychotherapeutinnen und -therapeuten scharf. Die Maßnahmen treffen einen Versorgungsbereich, der bereits heute stark unter Druck steht. Sie drohen die Situation für Patientinnen und Patienten weiter zu verschärfen.

Bereits jetzt warten Patientinnen und Patienten vielerorts monatelang auf einen Therapieplatz. Die nun beschlossenen Sparmaßnahmen werden diese Engpässe weiter verschärfen. Besonders besorgniserregend sind die möglichen Folgen für vulnerable Gruppen: Kinder und Jugendliche, traumatisierte Patientinnen und Patienten, chronisch belastete Menschen sowie Personen mit Suchterkrankungen. Sie alle sind in besonderem Maße auf niedrigschwellige und zeitnahe therapeutische Angebote angewiesen.

Dabei könnten gerade frühzeitige Interventionen, z. B. Akut- oder Kurzzeittherapien, dazu beitragen, Chronifizierungen zu verhindern und lange Arbeitsunfähigkeitszeiten zu vermeiden. Werden diese Möglichkeiten weiter eingeschränkt, droht nicht nur eine Verschlechterung individueller Krankheitsverläufe, sondern auch eine Steigerung der gesamtgesellschaftlichen Folgekosten.

Qualität hat Grenzen: Psychotherapie ist nicht beliebig ausweitbar

Zugleich geraten die Behandelnden durch die steigende Zahl der zu betreuenden Patientinnen und Patienten zunehmend unter Druck. Psychotherapeutische Arbeit ist hochkomplex und erfordert ein dauerhaft hohes Maß an Konzentration, Empathie und tragfähiger Beziehungsarbeit – Ressourcen, die nicht beliebig ausgedehnt werden können, ohne an Qualität zu verlieren. Politische Bestrebungen, die tägliche Behandlungszeit weiter zu erhöhen, ignorieren diese fachlichen und auch persönlichen, emotionalen Grenzen. Sie riskieren nicht nur eine spürbare Verschlechterung des Therapieerfolgs, sondern auch eine steigende Überlastung der Therapeutinnen und Therapeuten – mit absehbaren Folgen für die Stabilität der gesamten Versorgung.

Ebenfalls nicht ausreichend berücksichtigt: der erhebliche bürokratische Aufwand für die Praxen, bestehend aus Dokumentationspflichten, Antrags- und Genehmigungsverfahren sowie weiteren organisatorische Aufgaben. Diese Leistungen nehmen einen großen Teil der Arbeitszeit ein, werden in politische Steuerungs- und Vergütungsüberlegungen aber häufig nicht adäquat einbezogen.

Frauen und Ärztinnen besonders betroffen

Ein weiterer kritischer Aspekt ist die geschlechtsspezifische Dimension der Kürzungen: „Zum einen nehmen mehr Frauen psychotherapeutische Angebote in Anspruch. Zum anderen sind in der psychotherapeutischen Versorgung überdurchschnittlich viele Frauen tätig – sowohl Ärztinnen als auch unter anderem die zahlenmäßig größte Gruppe psychologische Psychotherapeutinnen“, so Dr. med. Christiane Groß, Ehrenpräsidentin des DÄB und selbst ärztliche Psychotherapeutin. „Die Honorarkürzungen treffen somit Frauen als Patientinnen und in der Versorgung besonders stark und verschärfen bestehende Ungleichheiten.“

Strukturelle Benachteiligung der sprechenden Medizin

Die aktuelle Entscheidung reiht sich in eine seit Jahren bestehende strukturelle Benachteiligung der sogenannten „sprechenden Medizin“ ein. Zeitintensive, beziehungsorientierte Behandlungsformen werden im Vergleich zu technisch-apparativen Leistungen systematisch schlechter vergütet. Diese Schieflage erschwert eine bedarfsgerechte Versorgung psychisch erkrankter Menschen.

Ein Blick auf verfügbare Einkommensdaten aus dem Praxis-Panel des Zentralinstituts der Kassenärztlichen Bundesvereinigung verdeutlicht die Dimension dieser Unterschiede: Während psychotherapeutisch tätige Ärztinnen und Ärzte im Durchschnitt deutlich geringere Einkommen erzielen, liegen die Einnahmen in technisch geprägten Fachgebieten um ein Vielfaches höher.

Forderung nach politischem Umdenken

„Diese Entscheidung sendet ein fatales Signal“, so Jana Pannenbäcker, Co-Präsidentin des DÄB und ebenfalls ärztliche Psychotherapeutin. Gerade in Zeiten steigender psychischer Belastungen werde die Versorgung mit dieser Entscheidung weiter geschwächt. „Wir fordern daher eine gerechte Vergütung ärztlicher Leistungen unabhängig davon, ob sie apparativ oder sprechend erbracht werden, sowie den Ausbau psychotherapeutischer Kapazitäten.“

Der Deutsche Ärztinnenbund appelliert an die Verantwortlichen in der Politik, die Folgen der Kürzungen dringend zu überdenken und Maßnahmen zu ergreifen, die eine bedarfsgerechte, qualitätsgesicherte Versorgung psychisch erkrankter Menschen sicherstellen.