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Der Klimawandel unter ethischen Gesichtspunkten

Die normative Ethik befasst sich mit Prinzipien und Kriterien der Moral und erarbeitet Prinzipien eines für alle guten Lebens (1). Der Klimawandel bedroht dieses gute Leben. Er wird als die größte Herausforderung des 21. Jahrhunderts gesehen. Frauen und marginalisierte Gruppen, insbesondere in Entwicklungsländern, sind häufiger von den Folgen betroffen – sei es durch Naturkatastrophen, Nahrungsmittelknappheit oder gesundheitliche Risiken. Gleichzeitig spielen sie eine zentrale Rolle bei der Bewältigung dieser Krisen. Ethik, Klima und Gesundheit sind dabei untrennbar miteinander verbunden. Dieser Artikel beleuchtet, wie diese Themen zusammenhängen und warum Frauen eine Schlüsselposition einnehmen, um eine nachhaltige und gerechte Zukunft zu gestalten.

Der Begriff „Klimagerechtigkeit“ bedeutet, dass die Lasten und Chancen des Klimawandels fair verteilt werden. Frauen sind in diesem Kontext besonders vulnerabel, da sie in vielen Gesellschaften weniger Zugang zu Bildung, Ressourcen und politischer Mitsprache haben. Gleichzeitig sind sie oft die ersten, die sich für den Schutz der Umwelt und die Gesundheit ihrer Gemeinschaften einsetzen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass zwischen 2030 und 2050 jährlich rund 250.000 zusätzliche Todesfälle auf den Klimawandel und auch die dadurch verschärften Konflikte weltweit zurückzuführen sein werden. Frauen und Mädchen sind dabei überproportional betroffen.

Um einige Beispiele zu nennen (2):
  • Hitzestress: Extremtemperaturen führen zu Herz-Kreislauf- Erkrankungen und Hitzschlägen. Frauen, insbesondere Schwangere und Ältere, sind besonders gefährdet. Auch häusliche Gewalt (Studien aus Europa) steigt übermäßig an. Frauen sind hier häufiger als Opfer betroffen (3).
  • Luftverschmutzung: Feinstaub und Schadstoffe verursachen Atemwegserkrankungen und Lungenkrebs. In vielen Haushalten sind Frauen für das Kochen mit festen Brennstoffen verantwortlich, was ihre Exposition erhöht.
  • Ernährungssicherheit: Dürren und Ernteausfälle bedrohen die Nahrungsmittelversorgung. Frauen, die in der Landwirtschaft arbeiten, sind direkt betroffen.
  • Traditionelle Rollenzuschreibungen: Diese können bewirken, dass Frauen sich zunächst um andere kümmern, bevor sie gut für sich selbst sorgen. Weltweit leisten Frauen deutlich mehr Sorgearbeit als Männer. Sie sind zudem in Pflegeberufen in der Überzahl vertreten und dort besonderen Risiken (z. B. Infektionserkrankungen) übermäßig häufig ausgesetzt.
  • Reproduktivität: Klimawandelbedingte Katastrophen unterbrechen häufig die Versorgung mit Mitteln der Familienplanung. Der Zugang zu gynäkologischer Versorgung oder Geburtshilfe ist noch eingeschränkter.
  • Sexualisierte Gewalt: Zu beobachten ist eine Zunahme von Kinderehen und auch Prostitution als Kompensation von fehlendem Einkommen und schlechterem Zugang zu Bildung. Zudem sind geflüchtete Frauen und Mädchen in Notunterkünften häufiger Gewaltdelikten ausgesetzt.
  • Psychische Folgen: Als direkte Reaktion auf Naturkatastrophen und Extremwetterereignisse (Zunahme durch Klima­wandel) treten z. B. Depressionen, Angststörungen und posttraumatische Belastungsstörungen gehäuft auf. Aber auch graduelle langfristige Veränderungen der heimischen Umwelt, etwa durch anhaltende Trockenheit, können psychische Stressreaktionen auslösen. Dabei wird unterschieden zwischen Solastalgie (Gefühl der Trauer, die entsteht, wenn es zu Umweltveränderungen oder -zerstörungen im vertrauten Lebensraum kommt) und Eco-Anxiety (Angst vor dem, was kommen könnte). Risikogruppen für psychische Folgen des Klimawandels werden durch gezieltere Forschung identifiziert (4).
Seit den 1970er Jahren beschreibt der Begriff „Ökofeminismus“ den Zusammenhang zwischen Ausbeutung/Zerstörung der Umwelt und Ausbeutung von Frauen durch patriarchale Strukturen. Seit der Industrialisierung kommt es zu einer selbstverständlichen Ausbeutung unserer natürlichen Ressourcen und zur Entstehung von Petrokulturen und ihrer tief verwurzelten Abhängigkeit vom Öl. Diese begründen sowohl finanziellen Reichtum als auch westliche Vorherrschaft (5). Petromaskulinität bezeichnet die Konvergenz von Autoritarismus, fossilen Brennstoffen und patriarchaler Macht (6). Diese politische Formation begreift die Welt als Rohstoff und maßt sich das Recht an, auf ihn zuzugreifen, ihn auszubeuten und zu vernutzen. Misogynie und Klimaleugnung sind strukturell miteinander verbunden. Sie verteidigen gewohnte Hierarchien und privilegierte Freiheiten. Die Zerstörung von Ökosystemen und Biodiversität, die zunehmende Häufung von Extremwetterereignissen und der Anstieg des Meeresspiegels werden auch 2025 wie selbstverständlich in Kauf genommen.

Frauenrechte stärken: Ein effektiver Hebel für Klimaschutz und Gesundheitsförderung
„one slide for the future“: Nutzen Sie die Möglichkeit, sich in Ihrem Vortrag für unser Klima starkzumachen! Im Mitglieder-Bereich der DÄB-Homepage stehen mehrere Folien zum Download bereit.

Frauen sind nicht nur Opfer des Klimawandels – sie sind auch zentrale Akteurinnen im Kampf dagegen. Bevölkerungsbefragungen in den Industrieländern zeigen, dass Frauen den Klimawandel stärker als Bedrohung wahrnehmen als Männer. Sie fordern in der Regel mehr politische Maßnahmen zur Bekämpfung und Anpassung und sind auch bereit, mehr Geld dafür auszugeben. Durch Studien konnte belegt werden, dass Frauen in Führungspositionen häufiger nachhaltige Entscheidungen treffen.

In Ländern, in denen Frauen einen höheren politischen Status haben, ist die CO2-Emission pro Kopf niedriger als anderswo. In Ländern wie Ruanda und Schweden sorgen Frauen in Parlamenten für progressive Klimagesetze. Aber auch niederschwellig ergreifen Frauen auf dieser Welt Initiative: So sind es in ländlichen Gemeinschaften oft Frauen, die Wissen über traditionelle Anbaumethoden und Ressourcenmanagement bewahren. In Indien organisieren Frauen Selbsthilfe­gruppen, um erneuerbare Energien zu fördern und Wasserressourcen zu schützen. Frauen engagieren sich in der Gesundheitsvorsorge, indem sie über die Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit aufklären (so auch der DÄB).

Nicht nur durch unsere Musterberufsordnung sind wir verpflichtet, einen Beitrag zur Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen im Hinblick auf ihre Bedeutung für die Gesundheit der Menschen zu leisten. Die Übernahme „temporaler Verantwortung“ hat auch das Bundesverfassungsgericht 2021 in einem Urteil zum Klimaschutz der Bundesregierung angemahnt. Temporale Verantwortung bedeutet die Übernahme von Verantwortung für eine Zeit, die sich über das eigene Leben hinaus erstreckt: „Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen“ (Art. 20a im Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland). Wir haben also eine kollektive Verantwortung für ethisches Handeln. Zukunft ist kein Schicksal, sondern eine Verteilungsfrage (7).

Ethik, Klima, Gesundheit und die Rolle der Frauen sind eng miteinander verwoben. Um zu einem „guten Leben für alle“ zu kommen und um die Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens zu erreichen, müssen sich die gegenwärtige Politik und unsere Lebensweise deutlich ändern – ein Leugnen der Klimakrise und ein „Weitermachen wie bisher“ sind keine Lösung (auch wenn das aktuelle politische Strömungen suggerieren). Klimagerechtigkeit bedeutet faire Ressourcenverteilung und politische Teilhabe. Klimagerechtigkeit gelingt nur durch Empowerment von Frauen, also durch Bildung, wirtschaftliche Unabhängigkeit und politische Mitsprache. Die Stärkung von Frauenrechten ist daher nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit, sondern auch ein effektiver Hebel für Klimaschutz und Gesundheitsförderung.

Dr. med. Tonia Iblher und Dr. med. Ulrike Berg leiten gemeinsam den Ausschuss „Klima und Gesundheit“ im DÄB.

E-Mail: klima@aerztinnenbund.de


Literaturangaben:

Wikipedia-Eintrag „Ethik“ (Zugriff 30.09.2025)

Carbon Brief – Clear on Climate (Zugriff 30.09.2025)

Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2025): Gleichstellungsberichte der Bundesregierung. 12. März 2025 (Zugriff 30.09.2025)

Umweltbundesamt (2025): Klimawandel und psychische Gesundheit. Artikel vom 09. Juli 2025 (Zugriff 30.09.2025)

Protect the Planet (2025): Ökofeminismus – Warum Feminismus und Klimaschutz zusammengehören. Artikel vom 28. März 2025 (Zugriff 30.09.2025)

Mukalazi MM (2024): Klimaschutz braucht feministische Gerechtigkeit. Reportage der Heinrich Böll Stiftung vom 12. Februar 2024 (Zugriff 30.09.2025)

Zennig K & Sälzer C (2025): Man muss das autoritäre Begehren begreifen. Medico-Interview mit Cara Daggett vom 30. Juni 2025 (Zugriff 30.09.2025)

Bücker T (2022): Alle_Zeit – Eine Frage von Macht und Freiheit. Ullstein Verlag. Berlin

Literatur zum Weiterlesen:

taz.de: Klimagerechtigkeit und Feminismus – One struggle, one fight! (25.09.2020)
 
Klimareporter°: Klimagerechtigkeit braucht Feminismus, Gastbeitrag von Julika Zimmermann (26.10.2020)
 
Friedrich Ebert Stiftung: An Geschlechterperspektive fehlt es bei der Klimapolitik nach wie vor, Interview mit Ulrike Röhr geführt von Lena Kronenbürger (01.06.2023)
 
Dr. Gülay Çaglar, Prof. Dr. María do Mar Castro Varela & Dr. Helen Schwenken (2012): Geschlecht – Macht – Klima: Feministische Perspektiven auf Klima, gesellschaftliche Naturverhältnisse und Gerechtigkeit. Verlag Barbara Budrich

Christian Stöcker (2024): Männer, die die Welt verbrennen – Der entscheidende Kampf um die Zukunft der Menschheit | Profiteure der fossilen Brennstoffe versus erneuerbare Energien. Ullstein Verlag