Im Interview
Wir müssen aufhören, Frauen zu bevormunden
Schwangerschaftsabbrüche gehören in Deutschland nach wie vor zu den am stärksten tabuisierten Themen der Medizin. Für betroffene Frauen bedeutet die Entscheidung meist eine existenzielle Zäsur – und für Ärztinnen wie Dr. med. Marion Janke, ehemalige Geschäftsführerin von pro familia Stuttgart, eine verantwortungsvolle Gratwanderung zwischen medizinischer Versorgung, gesetzlicher Pflicht und menschlicher Nähe. Wir haben mit ihr über ihre Erfahrungen in der Beratung, über ethische Konflikte und über die Frage gesprochen, wie Ärztinnen in diesem Spannungsfeld Haltung zeigen können. Dr. Jankes Fazit: Strafandrohung und Tabuisierung helfen niemandem.
Liebe Frau Dr. Janke, was hat Sie dazu bewegt, Frauen in einer existenziellen Lebenssituation wie dem Schwangerschaftsabbruch zu beraten und zu begleiten?
Als junge Ärztin – das ist nun fast 40 Jahre her – habe ich erlebt, wie verzweifelt Frauen waren, wenn sie eine ungewollte Schwangerschaft beenden wollten. Abbrüche waren tabuisiert, wurden versteckt und teils unter falscher Diagnose durchgeführt. Ich war schockiert, welches Risiko Frauen auf sich nahmen, gesundheitlich und manchmal sogar für ihr Leben. Das hat mich dazu gebracht, mich zunächst ehrenamtlich und später auch hauptberuflich bei pro familia zu engagieren.
Welche Frauen kommen in die Beratung?
Pauschal kann man das natürlich nicht beantworten. Es kommen Frauen unterschiedlichen Alters und mit unterschiedlicher Geschichte. Was viele verblüfft: Es sind nicht die sehr jungen, unerfahrenen, vielleicht noch minderjährigen Frauen, die die Beratung mehrheitlich aufsuchen. Das ist ein Klischee. Zwei Drittel der Schwangeren, die zu uns kommen, sind im mittleren Alter und haben bereits Kinder. Sie wissen sehr genau, was es bedeutet, schwanger zu sein und ein Kind großzuziehen. So verwundert es nicht, dass etwa 70 Prozent der Frauen bereits mit einer klaren Entscheidung in die Beratung kommen. Sie haben sich viele Gedanken gemacht, ggf. gemeinsam mit dem Partner, und eine reflektierte Entscheidung getroffen. Die Zwangsberatung, die das aktuelle Gesetz vorsieht, empfinde ich vor diesem Hintergrund als Bevormundung. Sie verunsichert Frauen und verzögert den Eingriff. Medizinisch ist das nicht sinnvoll. Selbstverständlich muss es Beratungsangebote geben, aber die müssen freiwillig sein.
Mit welchen Ängsten sehen Sie sich in der Beratung konfrontiert?
Wir haben heute zwar eine gesetzliche Regelung, die Schwangerschaftsabbrüche ermöglicht, aber das Tabu besteht fort. Der Abbruch ist nach wie vor im Strafgesetzbuch geregelt – er bleibt rechtswidrig, aber straffrei. Damit werden Frauen kriminalisiert, ihre persönliche Entscheidung wird nicht respektiert – eine hochpersönliche Entscheidung, die das Recht der Frauen auf reproduktive Selbstbestimmung und körperliche Integrität tangiert. Die geltenden gesetzlichen Regelungen sind Ausdruck der gesellschaftlichen und juristischen Missbilligung und führen zu Scham und Schuldgefühlen. Auch auf uns Ärztinnen und Ärzte hat dies Einfluss. Mit einem Schwangerschaftsabbruch, der nicht medizinisch indiziert ist, nehmen wir einen rechtswidrigen Eingriff vor – das gibt es sonst nirgends in der Medizin.
Wo sehen Sie den größten ethischen Konflikt beim Thema Schwangerschaftsabbruch?
Der Kernkonflikt liegt zwischen der reproduktiven Selbstbestimmung der Frau und dem Schutz des ungeborenen Lebens. Dieses Spannungsfeld lässt sich auch nicht auflösen. Der Gesetzgeber versucht es, indem er Abbrüche für rechtswidrig, aber straffrei erklärt – das ist konstruiert. Man kann ein Kind nicht gegen den Willen der Frau schützen, nur mit ihr. Ungewollte Schwangerschaften sind Realität, keine Verhütung ist absolut sicher. Etwa ein Drittel aller Schwangerschaften ist auf den Zeitpunkt hin ungeplant. Der Schutz des ungeborenen Lebens gelingt nicht durch Strafandrohung, sondern durch gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die Familien unterstützen, durch sexuelle Bildung, kostenlose Verhütungsmittel und eine familienfreundliche Politik. Dazu gehört die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ebenso wie eine ausreichende Anzahl guter und finanziell leistbarer Betreuungsmöglichkeiten für Kinder jeden Alters.
Wie erleben Sie die öffentliche Debatte um den § 218?
Es gibt dringenden Reformbedarf. Der § 218 muss aus dem Strafgesetz gestrichen werden: Schwangerschaftsabbrüche gehören meiner Meinung nach in die Gesundheitsversorgung. Beratung muss freiwillig sein, nicht verpflichtend. Eine solche Reform würde Frauen entlasten und Ärztinnen und Ärzten Rechtssicherheit geben. Und das ist ein ganz wichtiger Punkt: Die Versorgungslage für Schwangerschaftsabbrüche ist nicht ausreichend – in den letzten 15 Jahren hat sich die Zahl der Ärztinnen und Ärzte, die Abbrüche durchführen, fast halbiert. Viele fürchten Anfeindungen oder rechtliche Konsequenzen. Das ist beschämend für ein Land wie Deutschland. Länder wie Frankreich sind da weiter: Dort ist das Recht auf Abbruch inzwischen in der Verfassung verankert.
Was bedeutet das gesellschaftliche Schweigen rund um das Thema?
Schweigen produziert Leid. Viele Frauen sprechen mit niemandem über ihren Abbruch – oft ein Leben lang. Dieses Tabu verstärkt Scham und Schuldgefühle. Wir haben bei pro familia vor ein paar Jahren Frauen eingeladen, ihre Geschichten zu erzählen. Es wurde deutlich: Der Schwangerschaftsabbruch ist einer der häufigsten gynäkologischen Eingriffe – rund 100.000 pro Jahr – und doch wird kaum darüber gesprochen. Auch Ärztinnen und Ärzte fürchten Diskriminierung, sogar in den eigenen Reihen. Es ist höchste Zeit, dieses Thema offen als Teil der medizinischen Realität zu begreifen.
Was brauchen Ärztinnen und Ärzte, die in diesem Bereich arbeiten?
Vor allem Akzeptanz und Solidarität – auch unter Kolleginnen und Kollegen. Darüber hinaus benötigen sie, ganz praktisch, gute Fortbildungen über Methoden, Komplikationen und den Umgang mit Frauen in dieser besonderen Lebenslage. Mir ist wichtig zu betonen, dass es immer auch das Recht für Ärztinnen und Ärzte geben muss, diesen Eingriff abzulehnen. Trotzdem wünsche ich mir mehr Kolleginnen und Kollegen, die sich entscheiden, Schwangerschaftsabbrüche anzubieten. Für Frauen ist es z. B. schwer zu verstehen und zu ertragen, wenn ihre vertraute Gynäkologin, die sie bei Mutterschaft, Krebsvorsorge etc. begleitet hat, sie in dieser schwierigen Situation plötzlich nicht mehr unterstützt.
Welche Haltung wünschen Sie sich von der Ärzteschaft?
Ich wünsche mir, dass reproduktive Gesundheit – also Verhütung, Schwangerschaft und Geburt, aber auch der unerfüllte Kinderwunsch sowie der Schwangerschaftsabbruch – selbstverständlich zum medizinischen Alltag gehört. Es geht um Menschenrechte, um Selbstbestimmung. Wir brauchen neue, zeitgemäße Regelungen und den Mut, diese auch politisch einzufordern. In der Reproduktionsmedizin berufen wir uns immer noch auf das Embryonenschutzgesetz von 1991, als es viele Techniken und damit einhergehende ethische Fragestellungen noch gar nicht gab. Der Schwangerschaftsabbruch wird immer wieder instrumentalisiert – als Politikum, als Mittel zur Spaltung. Das ist Teil antifeministischer und antidemokratischer Bewegungen, und dem müssen gerade wir Ärztinnen entschieden entgegentreten.
Was möchten Sie Ihren jungen Kolleginnen mit auf den Weg geben?
Mut. Offenheit. Und den Willen, Frauen in allen Lebenslagen zu unterstützen – auch in schwierigen Situationen. Viele Frauen sind dankbar, wenn ihre Ärztin auch in Krisen an ihrer Seite bleibt. Das ist echte Begleitung. Und es ist eine persönlich wertvolle Arbeit. Das kann ich aus eigener Erfahrung sagen: sinnstiftend, gesellschaftlich und politisch relevant.
Zum Ende unseres Interviews möchten wir einen kleinen Schwenk machen und mit der Pränataldiagnostik eine weitere Facette des Themas anschneiden. Was ist Ihnen dabei besonders wichtig?
Das ist schön, dass wir darauf noch kurz eingehen. Ich wünsche mir hier deutlich mehr Ehrlichkeit – gegenüber den Paaren, aber auch innerhalb der Ärzteschaft. Pränataldiagnostik weckt oft die Illusion, man könne alles kontrollieren. Doch Schwangerschaft und Geburt bleiben unberechenbar, und das sollten wir als Ärztinnen und Ärzte auch zugeben. Es gibt heute eine gesellschaftliche Erwartungshaltung: Schwangere müssen sich fast rechtfertigen, wenn sie keine Tests machen. Viele erleben enormen Druck – von ihrem Umfeld, von Ärztinnen und Ärzten, manchmal auch durch wirtschaftliche Interessen. Es braucht gute Aufklärung vor den Untersuchungen – über mögliche Ergebnisse, Konsequenzen und auch Grenzen dieser Diagnostik. Wenn Paare gut informiert sind, können sie selbstbestimmt entscheiden.
Und was geschieht, wenn die Diagnostik ein schweres Ergebnis bringt?
Dann stehen Paare vor einer fast unmenschlichen Entscheidung – und leider oft allein. Es sind meist gewünschte, lange ersehnte Schwangerschaften, die plötzlich zum ethischen Konflikt werden: Soll dieses Kind auf die Welt kommen oder nicht? Wir als Gesellschaft sind da sehr unehrlich. Auf der einen Seite befördern wir Pränataldiagnostik, auf der anderen Seite reden wir von Inklusion und Teilhabe. Wenn aber eine Diagnose schwerwiegend ist, wird es still. Viele Paare fühlen sich schuldig, egal wie sie sich entscheiden. Ich habe oft gehört: „Wir können es nur falsch machen.“ Deshalb brauchen sie Begleitung – in der Beratung, aber ganz besonders auch danach. Wir haben bei pro familia Rückbildungskurse für verwaiste Mütter in Kombination mit Trauerbegleitung angeboten. Diese Angebote sind unglaublich wichtig und wurden sehr gut angenommen. Und auch die Ärztinnen und Ärzte brauchen Begleitung. Späte und besonders auch sehr späte Abbrüche, sogenannte Fetozide, sind extrem belastend – für alle Beteiligten. Die Versorgungslage in Deutschland ist dabei eher schlecht; Paare müssen teils durch die ganze Republik reisen, um eine Klinik zu finden. Das ist unzumutbar.
Vor allem aber ist wichtig, dass wir Respekt für jede Entscheidung haben!
Interview: Anne Wewer
E-Mail: rmkf.janke@t-online.de
Als junge Ärztin – das ist nun fast 40 Jahre her – habe ich erlebt, wie verzweifelt Frauen waren, wenn sie eine ungewollte Schwangerschaft beenden wollten. Abbrüche waren tabuisiert, wurden versteckt und teils unter falscher Diagnose durchgeführt. Ich war schockiert, welches Risiko Frauen auf sich nahmen, gesundheitlich und manchmal sogar für ihr Leben. Das hat mich dazu gebracht, mich zunächst ehrenamtlich und später auch hauptberuflich bei pro familia zu engagieren.
Welche Frauen kommen in die Beratung?
Pauschal kann man das natürlich nicht beantworten. Es kommen Frauen unterschiedlichen Alters und mit unterschiedlicher Geschichte. Was viele verblüfft: Es sind nicht die sehr jungen, unerfahrenen, vielleicht noch minderjährigen Frauen, die die Beratung mehrheitlich aufsuchen. Das ist ein Klischee. Zwei Drittel der Schwangeren, die zu uns kommen, sind im mittleren Alter und haben bereits Kinder. Sie wissen sehr genau, was es bedeutet, schwanger zu sein und ein Kind großzuziehen. So verwundert es nicht, dass etwa 70 Prozent der Frauen bereits mit einer klaren Entscheidung in die Beratung kommen. Sie haben sich viele Gedanken gemacht, ggf. gemeinsam mit dem Partner, und eine reflektierte Entscheidung getroffen. Die Zwangsberatung, die das aktuelle Gesetz vorsieht, empfinde ich vor diesem Hintergrund als Bevormundung. Sie verunsichert Frauen und verzögert den Eingriff. Medizinisch ist das nicht sinnvoll. Selbstverständlich muss es Beratungsangebote geben, aber die müssen freiwillig sein.
Mit welchen Ängsten sehen Sie sich in der Beratung konfrontiert?
Wir haben heute zwar eine gesetzliche Regelung, die Schwangerschaftsabbrüche ermöglicht, aber das Tabu besteht fort. Der Abbruch ist nach wie vor im Strafgesetzbuch geregelt – er bleibt rechtswidrig, aber straffrei. Damit werden Frauen kriminalisiert, ihre persönliche Entscheidung wird nicht respektiert – eine hochpersönliche Entscheidung, die das Recht der Frauen auf reproduktive Selbstbestimmung und körperliche Integrität tangiert. Die geltenden gesetzlichen Regelungen sind Ausdruck der gesellschaftlichen und juristischen Missbilligung und führen zu Scham und Schuldgefühlen. Auch auf uns Ärztinnen und Ärzte hat dies Einfluss. Mit einem Schwangerschaftsabbruch, der nicht medizinisch indiziert ist, nehmen wir einen rechtswidrigen Eingriff vor – das gibt es sonst nirgends in der Medizin.
Wo sehen Sie den größten ethischen Konflikt beim Thema Schwangerschaftsabbruch?
Der Kernkonflikt liegt zwischen der reproduktiven Selbstbestimmung der Frau und dem Schutz des ungeborenen Lebens. Dieses Spannungsfeld lässt sich auch nicht auflösen. Der Gesetzgeber versucht es, indem er Abbrüche für rechtswidrig, aber straffrei erklärt – das ist konstruiert. Man kann ein Kind nicht gegen den Willen der Frau schützen, nur mit ihr. Ungewollte Schwangerschaften sind Realität, keine Verhütung ist absolut sicher. Etwa ein Drittel aller Schwangerschaften ist auf den Zeitpunkt hin ungeplant. Der Schutz des ungeborenen Lebens gelingt nicht durch Strafandrohung, sondern durch gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die Familien unterstützen, durch sexuelle Bildung, kostenlose Verhütungsmittel und eine familienfreundliche Politik. Dazu gehört die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ebenso wie eine ausreichende Anzahl guter und finanziell leistbarer Betreuungsmöglichkeiten für Kinder jeden Alters.
Wie erleben Sie die öffentliche Debatte um den § 218?
Es gibt dringenden Reformbedarf. Der § 218 muss aus dem Strafgesetz gestrichen werden: Schwangerschaftsabbrüche gehören meiner Meinung nach in die Gesundheitsversorgung. Beratung muss freiwillig sein, nicht verpflichtend. Eine solche Reform würde Frauen entlasten und Ärztinnen und Ärzten Rechtssicherheit geben. Und das ist ein ganz wichtiger Punkt: Die Versorgungslage für Schwangerschaftsabbrüche ist nicht ausreichend – in den letzten 15 Jahren hat sich die Zahl der Ärztinnen und Ärzte, die Abbrüche durchführen, fast halbiert. Viele fürchten Anfeindungen oder rechtliche Konsequenzen. Das ist beschämend für ein Land wie Deutschland. Länder wie Frankreich sind da weiter: Dort ist das Recht auf Abbruch inzwischen in der Verfassung verankert.
Was bedeutet das gesellschaftliche Schweigen rund um das Thema?
Schweigen produziert Leid. Viele Frauen sprechen mit niemandem über ihren Abbruch – oft ein Leben lang. Dieses Tabu verstärkt Scham und Schuldgefühle. Wir haben bei pro familia vor ein paar Jahren Frauen eingeladen, ihre Geschichten zu erzählen. Es wurde deutlich: Der Schwangerschaftsabbruch ist einer der häufigsten gynäkologischen Eingriffe – rund 100.000 pro Jahr – und doch wird kaum darüber gesprochen. Auch Ärztinnen und Ärzte fürchten Diskriminierung, sogar in den eigenen Reihen. Es ist höchste Zeit, dieses Thema offen als Teil der medizinischen Realität zu begreifen.
Was brauchen Ärztinnen und Ärzte, die in diesem Bereich arbeiten?
Vor allem Akzeptanz und Solidarität – auch unter Kolleginnen und Kollegen. Darüber hinaus benötigen sie, ganz praktisch, gute Fortbildungen über Methoden, Komplikationen und den Umgang mit Frauen in dieser besonderen Lebenslage. Mir ist wichtig zu betonen, dass es immer auch das Recht für Ärztinnen und Ärzte geben muss, diesen Eingriff abzulehnen. Trotzdem wünsche ich mir mehr Kolleginnen und Kollegen, die sich entscheiden, Schwangerschaftsabbrüche anzubieten. Für Frauen ist es z. B. schwer zu verstehen und zu ertragen, wenn ihre vertraute Gynäkologin, die sie bei Mutterschaft, Krebsvorsorge etc. begleitet hat, sie in dieser schwierigen Situation plötzlich nicht mehr unterstützt.
Welche Haltung wünschen Sie sich von der Ärzteschaft?
Ich wünsche mir, dass reproduktive Gesundheit – also Verhütung, Schwangerschaft und Geburt, aber auch der unerfüllte Kinderwunsch sowie der Schwangerschaftsabbruch – selbstverständlich zum medizinischen Alltag gehört. Es geht um Menschenrechte, um Selbstbestimmung. Wir brauchen neue, zeitgemäße Regelungen und den Mut, diese auch politisch einzufordern. In der Reproduktionsmedizin berufen wir uns immer noch auf das Embryonenschutzgesetz von 1991, als es viele Techniken und damit einhergehende ethische Fragestellungen noch gar nicht gab. Der Schwangerschaftsabbruch wird immer wieder instrumentalisiert – als Politikum, als Mittel zur Spaltung. Das ist Teil antifeministischer und antidemokratischer Bewegungen, und dem müssen gerade wir Ärztinnen entschieden entgegentreten.
Was möchten Sie Ihren jungen Kolleginnen mit auf den Weg geben?
Mut. Offenheit. Und den Willen, Frauen in allen Lebenslagen zu unterstützen – auch in schwierigen Situationen. Viele Frauen sind dankbar, wenn ihre Ärztin auch in Krisen an ihrer Seite bleibt. Das ist echte Begleitung. Und es ist eine persönlich wertvolle Arbeit. Das kann ich aus eigener Erfahrung sagen: sinnstiftend, gesellschaftlich und politisch relevant.
Zum Ende unseres Interviews möchten wir einen kleinen Schwenk machen und mit der Pränataldiagnostik eine weitere Facette des Themas anschneiden. Was ist Ihnen dabei besonders wichtig?
Das ist schön, dass wir darauf noch kurz eingehen. Ich wünsche mir hier deutlich mehr Ehrlichkeit – gegenüber den Paaren, aber auch innerhalb der Ärzteschaft. Pränataldiagnostik weckt oft die Illusion, man könne alles kontrollieren. Doch Schwangerschaft und Geburt bleiben unberechenbar, und das sollten wir als Ärztinnen und Ärzte auch zugeben. Es gibt heute eine gesellschaftliche Erwartungshaltung: Schwangere müssen sich fast rechtfertigen, wenn sie keine Tests machen. Viele erleben enormen Druck – von ihrem Umfeld, von Ärztinnen und Ärzten, manchmal auch durch wirtschaftliche Interessen. Es braucht gute Aufklärung vor den Untersuchungen – über mögliche Ergebnisse, Konsequenzen und auch Grenzen dieser Diagnostik. Wenn Paare gut informiert sind, können sie selbstbestimmt entscheiden.
Und was geschieht, wenn die Diagnostik ein schweres Ergebnis bringt?
Dann stehen Paare vor einer fast unmenschlichen Entscheidung – und leider oft allein. Es sind meist gewünschte, lange ersehnte Schwangerschaften, die plötzlich zum ethischen Konflikt werden: Soll dieses Kind auf die Welt kommen oder nicht? Wir als Gesellschaft sind da sehr unehrlich. Auf der einen Seite befördern wir Pränataldiagnostik, auf der anderen Seite reden wir von Inklusion und Teilhabe. Wenn aber eine Diagnose schwerwiegend ist, wird es still. Viele Paare fühlen sich schuldig, egal wie sie sich entscheiden. Ich habe oft gehört: „Wir können es nur falsch machen.“ Deshalb brauchen sie Begleitung – in der Beratung, aber ganz besonders auch danach. Wir haben bei pro familia Rückbildungskurse für verwaiste Mütter in Kombination mit Trauerbegleitung angeboten. Diese Angebote sind unglaublich wichtig und wurden sehr gut angenommen. Und auch die Ärztinnen und Ärzte brauchen Begleitung. Späte und besonders auch sehr späte Abbrüche, sogenannte Fetozide, sind extrem belastend – für alle Beteiligten. Die Versorgungslage in Deutschland ist dabei eher schlecht; Paare müssen teils durch die ganze Republik reisen, um eine Klinik zu finden. Das ist unzumutbar.
Vor allem aber ist wichtig, dass wir Respekt für jede Entscheidung haben!
Interview: Anne Wewer
E-Mail: rmkf.janke@t-online.de

