Was Ärztinnen vor der Wahl wissen sollten

Der Deutsche Ärztinnenbund (DÄB) gibt Wahlprüfsteine zur Bundestagswahl 2017 heraus

Ob zur Gefährdung der ärztlichen Selbständigkeit, zur Verankerung der Gendermedizin in der Aus- und Weiterbildung oder zu der beklagenswert geringen Anzahl von Ärztinnen in medizinischen Führungspositionen, der DÄB hat nach den im Mai 2017 gemeinsam mit den 17 größten Frauenverbänden in Deutschland geführten Gesprächen mit Spitzenkandidatinnen und Spitzenkandidaten bei fünf Parteien nachgefragt, wie es um die spezifische Situation von Ärztinnen und allgemeine Themen aus dem Gesundheitswesen bestellt ist.

Die insgesamt neun DÄB-Wahlprüfsteine bieten eine Orientierung zur Einstellung der Parteien u.a. zur Situation von Ärztinnen im Gesundheitswesen. Die vollständigen Antworten von CDU/CSU, SPD, B‘90/DIE GRÜNEN, DIE LINKE sowie der FDP stehen zum Download auf der DÄB-Homepage www.aerztinnenbund.de bereit. Dr. med. Christiane Groß, M.A., Präsidentin des DÄB: „Über die bei uns eingegangenen Antworten der Parteien freuen wir uns sehr. Die fast durchweg sehr sorgfältigen und interessanten Antworten belegen nicht zuletzt die gute und engagierte Arbeit von Ärztinnen. Wenn all das, was in den Antworten der Parteien an guten Ideen und Vorschlägen steckt, umgesetzt würde, könnten Ärztinnen optimistisch in die Zukunft blicken. “

Im Folgenden greifen wir drei Antworten zu insgesamt neun Fragen heraus. So wollten wir zunächst wissen, ob die ärztliche Selbständigkeit durch den vermehrten Aufkauf von Vertragsarztsitzen durch Konzerne und Praxisverbünde gefährdet wird:

CDU/CSU sprechen sich für eine Vielfalt bei den ärztlichen Versorgungsmodellen aus: „Dazu gehört die Einzelpraxis, die Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) und andere kooperative Modelle“. Die SPD will die Gründungsmöglichkeiten von MVZ weiterentwickeln und vor allem mehr Hausärztinnen (und Ärzte) ausbilden „um in ländlichen Regionen die Versorgung mit zu gestalten“. B‘90/DIE GRÜNEN kritisieren die Zunahme von fragwürdigen und kostenintensiven ärztlichen Leistungen und fordern Ärztinnen und Ärzte auf, stärker mit anderen Gesundheitsberufen zusammen zu arbeiten. Nach Auffassung der Partei DIE LINKEmuss das Gesundheitswesen vor Kommerzialisierung geschützt werden. MVZ dürften nicht in der Hand von Aktiengesellschaften sein, „auch nicht in der von Krankenhauskonzernen“. Für Katja Suding von der FDP bilden die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten neben medizinischen Versorgungszentren (MVZ) oder Berufsausübungsgemeinschaften nach wie vor „das Rückgrat“ in der gesundheitlichen Versorgung. MVZ und große Praxisverbünde dürften nicht zu einer „Industrialisierung“ der Medizin führen.

Gefragt, ob die Gendermedizin, die eine geschlechtsspezifische Erforschung und Behandlung von Krankheiten beinhaltet, in der Ausbildung stärker verankert werden solle, antworteten alle Befragten, dass sie die genderspezifischen Ansätze in Medizin und Wissenschaft grundsätzlich begrüßen.

Die CDU/CSU setzt dabei auf die anstehende Reform des Medizinstudiums, damit schon „frühzeitig die konsequente Orientierung am Patienten und seinen Bedürfnissen erlernt und eingeübt werden“ könne. Auch der SPD ist es wichtig,“ den geschlechtsspezifischen Besonderheiten Rechnung zu tragen“ und sie verweist dabei u.a. auf das Gesetz zur Stärkung der Gesundheitsförderung und Präventionen. B‘90/DIE GRÜNEN sprechen sich ebenfalls dafür aus, „dass geschlechtsspezifische Aspekte in unserem Gesundheitswesen und damit auch in der Ausbildung stärkere Beachtung finden“. DIE LINKE betont, dass „die Berücksichtigung genderspezifischer Aspekte selbstverständlicher Teil in allen Bereichen des Medizinstudiums sein solle und stellt fest: „Der Schlüssel zum Transfer in die Praxis liegt unseres Erachtens in den Leitlinien und in den Fortbildungen der Medizinerinnen und Mediziner“. Die FDP unterstützt genderspezifischer Aspekte in der Medizin und in wissenschaftlichen Arbeiten. Sie will dazu beitragen, „dass die Vermittlung gendersensibler Aspekte in den medizinischen Curricula und bei den Ärztekammern verstärkt wird“ und dabei die Digitalisierung nutzen.

Obwohl immer mehr Ärztinnen ausgebildet werden, kommen nach wie vor nur eine beklagenswert geringe Anzahl in den medizinischen Führungspositionen an. Wir wollten wissen, wie dies geändert werden kann:

CDU und CSU verweisen auf die Frauenquote in der Wirtschaft und heben auf die Gleichstellung im öffentlichen Dienst ab, die „bis spätestens 2025 abschließend erreicht“ werden soll. CDU/CSU wollen einen Rechtsanspruch auf Betreuung im Grundschulalter einführen und mit neuen Arbeitszeitmodellen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessern. Für die SPD sollten „Führungsgremien jeweils mit 50 Prozent mit Frauen und Männern besetzt sein“. Sie wird daher die Frauenquote weiter steigern und auf „alle Gremien wie Vorstände und Aufsichtsräte ausdehnen“ und will Führungsaufgaben auch in Teilzeit im gesamten Gesundheitswesen möglich machen: „In Wissenschaft und Medizin soll ein verbindlicher Frauenanteil von 40 Prozent verankert werden“. B‘90/DIE GRÜNEN wollen Maßnahmen für mehr Geschlechtergerechtigkeit auch in Führungsetagen. Das gelte auch im Gesundheitsbereich: „Dazu müssen beispielsweise die Arbeitsbedingungen und Arbeitszeiten familiengerechter werden“. Die Partei DIE LINKE will das Problem von zwei Seiten angehen und spricht sich „für Verbesserungen in der Kinderbetreuung aus“. Sie fordert ebenfalls, dass „Führungspositionen regelmäßig auch in Teilzeit ausgeübt werden können“. Die Freien Demokraten treten für mehr Frauen in Führungsverantwortung auch in der Medizin ein und erwarten von den Arbeitgebern eine deutliche Verbesserung des Frauenanteils: „Eine gesetzliche Quote lehnen wir jedoch ab“.

Die ausführlichen Antworten der Parteien auf die Wahlprüfsteine des Deutschen Ärztinnenbundes:
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