Foto: © Jens Jeske

Wünsche nach geplantem vorzeitigem Sterben im hohen Lebensalter

Sterben, welches durch Personen selbst bestimmt und geplant wird, kommt im hohen und vor allem sehr hohen Lebensalter so häufig vor wie in keiner anderen Lebensphase. Diese „Alterskonzentration“ betrifft Formen des Sterbens durch eigenes Zutun wie etwa durch Erhängen oder bewusstes Einstellen des Essens und Trinkens mit dem Ziel zu sterben (d. h. Suizide) und auch solche, die unter Beihilfe erfolgen (d. h. assistierte Suizide).

Legt man aktuelle Daten aus der Schweiz zugrunde, wird assistierter Suizid mehrheitlich und in den letzten Jahren zunehmend von hochaltrigen Frauen in Anspruch genommen. Damit liegt bei assistierten Suiziden im Alter ein Geschlechter­verhältnis vor, das umgekehrt ist zu dem von Suiziden, die mit großer Mehrheit von hochaltrigen Männern begangen wer-den. Im Jahr 2021 waren es beispielsweise 711 über 75-jährige Frauen in der Schweiz mit assistiertem Suizid. Im Vergleich waren es 78 Personen bei unter 65-jährigen Männern.

Dass alte Menschen häufiger geplant vorzeitig sterben als jüngere, wird in der Gesellschaft häufig als normal betrachtet und als gesellschaftliches Phänomen wenig hinterfragt. Auch im klinischen Alltag liefern kognitive, körperliche und soziale Beeinträchtigungen und Verluste bei einer älteren Person oft einen unmittelbaren Begründungszusammenhang, der Todeswünsche und Suizidalität für Dritte nachvollziehbar und im Einzelfall unausweichlich erscheinen lässt. Dahinter steht oft die unhinterfragte Einstellung, dass das Leben im Alter schlechter und weniger wertvoll ist als in anderen Lebensphasen. Eine fatale Konsequenz dieser ageistischen Haltung: Prävention von geplantem vorzeitigem Sterben findet auf gesundheitspolitischer Ebene viel zu wenig Beachtung. Auch bieten professionelle Akteurinnen und Akteure im Bereich von Gesundheit/Medizin bei älteren Patientinnen und Patienten mit hohem Risikoprofil für (assistierten) Suizid keine adäquate suizidpräventive Hilfe, indem sie etwa eine psychotherapeutische Behandlung vermitteln bzw. anbieten.

Die gute Botschaft: Der berufliche Alltag von Ärztinnen und Ärzten ist mehrheitlich durch Kontakte mit älteren Patientinnen und Patienten geprägt, die lebensfroh und guten Mutes sind – trotz Erkrankungen. Sie begegnen aber auch älteren Menschen, die nicht mehr gerne leben (Lebensüberdruss), die lieber tot wären (Todeswünsche) oder ihrem Leben ein Ende bereiten möchten (Suizidgedanken) bzw. sogar schon konkrete Pläne haben (Suizidabsichten). Diese Gefühle und Gedanken stehen nachweislich häufig in direktem Zusammenhang mit einer depressiven Erkrankung, schwereren körperlichen Erkrankungen und Beeinträchtigungen und mangelnder sozialer Teilhabe. Sie können aber auch bei körperlich relativ gesunden Menschen mit größerem sozialen Netzwerk und ohne längere psychiatrische Vorgeschichte vorkommen.

Ärztinnen und Ärzte sind zunehmend auch mit älteren Menschen konfrontiert, die um ärztliche Hilfe beim oder sogar zum schnelleren Sterben bitten. So wünschen sich Patientinnen und Patienten Informationen zu Sterbehilfevereinen, konkrete Anleitungen zur Suizidplanung oder die Beschaffung eines lebensverkürzenden oder todbringenden Medikaments.

Die seit 2020 veränderte Gesetzeslage, wonach die Beihilfe zum assistierten Suizid in Deutschland erlaubt ist, ist ins Bewusstsein vieler alter Menschen getreten. Gerade ältere Frauen – auch solche mit Lebenswillen, aber Angst vor einer als bedrohlich empfundenen Zukunft – entwickeln neue Perspektiven: nicht durch eine als unmenschlich erlebte Medizintechnik „gestorben zu werden“, sondern das Sterben selbst in der Hand zu haben; sich selbst „helfen“ zu können, anstatt vergeblich darauf zu warten, dass geholfen wird; Angehörigen nicht zur Last zu fallen; von anderen Menschen beim Sterben begleitet zu werden, anstatt beim Sterben allein zu sein. Gerade Personen in existenziellen Grenzsituationen, die von Frailty, sozialer Isolation, sensorischen Beeinträchtigungen und Schmerzen betroffen sind, vermittelt der Gedanke an die Möglichkeit, vorzeitig selbst geplant aus dem Leben zu gehen, ein Gefühl von Ruhe und Frieden.

Wenn ältere Menschen Wünsche nach schnellerem Sterben äußern, dann ist dies eine große professionelle und persönliche Herausforderung für jede Ärztin und jeden Arzt. In Anbetracht dessen, dass viele ältere Patientinnen und Patienten inneres Leiden „mit sich“ ausmachen, sollten diese Situationen als Chance willkommen geheißen werden, mit ihnen über ihre als schwer oder gar unerträglich erlebten Seinszustände ins Gespräch zu kommen.

Wenn Wünsche nach schnellerem Sterben vehement und vordergründig plausibel geäußert werden, besteht das Risiko, dass Ärztinnen und Ärzte in einen Gefühlssog gezogen werden, diese als unveränderbar und rational zu betrachten und die Selbstbestimmung zu priorisieren. Klinische Erfahrung und empirische Forschung zeigen aber die hohe Fluktuation und Reversibilität von Todeswünschen.

Vor diesem Hintergrund ist es notwendig, dass sich Ärztinnen und Ärzte Zeit nehmen und es älteren Menschen ermöglichen, in ihren oft unbewussten inneren Konflikten und Ambivalenzen gesehen zu werden. Dazu ist es wichtig, ihre Gefühle zunächst einmal anzuerkennen und unbedingtes Inter­esse zu zeigen, ihre innere und äußere Situation besser zu verstehen. Dadurch dass die Patientin die Erfahrung macht, dass sie es wert zu sein scheint, dass man sich mit ihr trotz ihres Alt- und Krankseins auseinandersetzt und Anteil an ihrer Situation nimmt, kann sie zu sich selbst mehr Zugang entwickeln und selbstschädigende Haltungen hinterfragen.

Es ist dabei wichtig, dass die Ärztin einen Raum eröffnet, in dem schmerzliche Erfahrungen von Ausschluss, Ignorierung und Ablehnung erzählt und zu aktuellen inneren Zuständen in Beziehung gesetzt werden. Auf Grundlage einer vertrauensvollen Beziehung und mehr innerem Zugang zu sich selbst sollten dann von der Ärztin weitere Optionen zur Linderung des Leidens erörtert und mit Zutrauen und Zuversicht vertreten werden. Dazu gehört insbesondere die Aufnahme einer psychotherapeutischen Behandlung und – je nach individueller Lebenssituation und körperlichem Gesundheitszustand – eine Auswahl folgender Interventionsmaßnahmen: Bewegungstraining/Sporttherapie, Gruppenangebote für Freizeitaktivitäten, ambulante oder (teil-)stationäre geriatrische bzw. gerontopsychiatrische Behandlung und ggf. Bahnung von Palliativ- und Hospizversorgung. Dadurch kann die Patientin ihr gedankliches Spektrum erweitern und die Bereitschaft entwickeln, Hilfen in Anspruch zu nehmen. Bei keiner anderen Gruppe ist interprofessionelles Arbeiten gefragter als bei älteren Patientinnen und Patienten mit Wünschen nach geplantem vorzeitigem Sterben. Todeswünsche, Suizidalität und Suizidprävention müssen im Bereich der Medizin als Pflichtthema in Aus-, Fort- und Weiterbildung verankert werden, worauf die jeweiligen Fach- und Berufsverbände entsprechend hinwirken sollten.

Die Prävention von Suiziden und assistierten Suiziden im hohen und höchsten Alter ist möglich.

Zum Nachlesen: Kessler (2025): Ageismus „in den Köpfen“ als Risikofaktor für Suizidalität im Alter. Z Gerontol Geriat 58: 10–16.

Prof. Dr. habil. Eva-Marie Kessler hat die Professur für Geronto-psychologie an der Medical School Berlin inne.

E-Mail: eva-marie.kessler@medicalschool-berlin.de