Foto: © Dieter Bühler

Göttinnen in Weiß und der Gender Pay Gap

Wir kennen die Zahlen. Wir kennen die strukturellen Ursachen. Wir kennen die Maßnahmen. Und dennoch bewegt sich beim Gender Pay Gap in Deutschland nur sehr langsam etwas. Immerhin: Nachdem er vier Jahre lang bei 18 Prozent stagnierte, ist er 2024 um sagenhafte zwei Prozentpunkte auf 16 Prozent gesunken.

16 Prozent – das sind immer noch 16 Prozent zu viel.

Die Zahlen in der Medizin sind noch drastischer. Laut coliquio- Gehaltsreport für 2024 liegt das Bruttojahresgehalt von Ärzten über alle Tätigkeitsfelder hinweg bei 174.400 Euro. Das von Ärztinnen ist mit 108.800 Euro um 68.000 Euro oder 37,6 Prozent niedriger. Werden nur Vollzeitstellen betrachtet, sind es immer noch 34,2 Prozent (Männer 192.300 Euro; Frauen 126.600 Euro) (1).

Ein Grund dafür: Viele Ärztinnen reduzieren in familiären Phasen ihre Arbeitszeit – mit negativen Folgen für ihre Karriere. Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zeigt, dass der Gender Pay Gap bei unter 30-Jährigen bei etwa neun Prozent liegt, danach stark ansteigt und bei den über 50-Jährigen 28 Prozent erreicht. Auf diesem hohen Niveau bleibt er (2). Wer Care-Arbeit wie Kochen, Putzen, Einkaufen, die Organisation des Geburtstagsfests fürs Kind oder der Impfung für den Opa übernimmt, kann nicht zur gleichen Zeit Erwerbsarbeit leisten. Eine paritätische Aufteilung der Elterngeldmonate ist ein erster Schritt, Sorgearbeit fair zu teilen. Dann können Berufserfahrung und Verfügbarkeit, Überstunden und Wochenenddienste fair geteilt werden, die sich nicht nur beim Jahresgehalt und bei der Rente bemerkbar machen, sondern auch auf der Karriereleiter. Bei Medizinerinnen kommt dazu, dass vorschnelle Beschäftigungsverbote schon in der Schwangerschaft die Weiterbildung zur Fachärztin unterbrechen. Das verzögert die Karriere von Ärztinnen und gibt Kollegen die Chance, an ihnen vorbeizuziehen.

So fehlen die Frauen auch in den Führungspositionen. Laut „Medical Women on Top – Update 2024“ ist der Anteil von Oberärztinnen von 37 Prozent 2022 auf 41 Prozent 2024 gestiegen (3). Das ist die gute Nachricht. Dagegen stagniert der Frauenanteil in Führungspositionen der Universitätsmedizin, z. B. bei Klinikdirektorinnen. 2022 lag er bei 13 Prozent, 2024 bei 14. Das hat nicht nur Auswirkungen auf den Gender Pay Gap, sondern auch auf die Auswahl von Forschungsthemen, Therapieentscheidungen, Ausbildung. Aufstiegsperspektiven müssen unabhängig vom gewählten Arbeitszeitmodell und unabhängig von Unterbrechungen durch Familienphasen sein. Führung in Teilzeit sowie Jobsharing-Modelle gerade auch in Führungspositionen müssen ermöglicht werden.

Rollenstereotype sorgen für bewusste oder unbewusste Vorurteile und beeinflussen unsere Entscheidungen. Warum sollte das in der Medizin anders sein? 2022 waren rund zwei Drittel der Medizinstudierenden Frauen (4). In den jeweiligen Fachbereichen schwankt der Anteil stark. In der Geburtshilfe und Frauenheilkunde liegt ihr Anteil bei 70, in der Chirurgie bei 24 Prozent. Techniklastige Fachbereiche wie Chirurgie oder Radiologie, eher von Männern gewählt, sind besser bezahlt als Bereiche, die einen größeren Gesprächsanteil sowie eine niedrigere Schlagzahl haben wie z. B. Kinderheilkunde. Diese werden vorwiegend von Frauen gewählt.

Wie ich es aus dem Kunstbereich kenne, war auch die Medizin lange streng hierarchisch organisiert. Es gab die „Götter in Weiß“, die aber nie von „Göttinnen in Weiß“ abgelöst wurden. Die Strukturen, nach denen wir medizinische Leistungen beurteilen, bezahlen, bewerten, sind aus diesen Zeiten. Zum Wohle aller sollten wir diese Strukturen weiblicher gestalten.

Uta Zech ist staatlich anerkannte Schauspielerin sowie Werbekauffrau. Von 2016 bis 2022 war sie Präsidentin des Business and Professional Women (BPW) Germany e. V. und ist heute Leiterin der vom BPW initiierten Equal-Pay-Day-Kampagne. Sie ist Mitglied der Redaktionsgruppe der Berliner Erklärung.

E-Mail: u.zech@equalpayday.de


Literaturangaben:

Coliquio (2024): Stabiles Durchschnittseinkommen, hohe Arbeitsbelastung, deutlicher Gender-Pay-Gap. Pressemitteilung vom 09.12.2024

Schrenker A & Zucco A (2020): Gender Pay Gap steigt ab dem Alter von 30 Jahren stark an. DIW Wochenbericht 10/2020: S. 137-145

Deutscher Ärztinnenbund (2025): Medical Women on Top – Update 2024 

Marburger Bund (2024): Zahlen – Daten – Fakten. Angestellte Ärztinnen und Ärzte und Medizinstudierende