Wir mischen uns ein

DÄB beschließt aktive Hilfe bei der medizinischen Versorgung für Flüchtlinge - insbesondere für Frauen und Familien - und fordert transparente Darstellung der Auswirkungen des Transatlantischen Freihandelsabkommens (TTIP) auf das Gesundheitssystem

Tagungsort Haus der Ärzteschaft
Foto: Ärztekammer Nordrhein
Am vergangenen Wochenende ging der 34. Kongress des Deutschen Ärztinnenbundes e.V. (DÄB) unter dem Motto „Wir mischen uns ein“ im Haus der Ärzteschaft in Düsseldorf erfolgreich zu Ende. Unter der Schirmherrschaft von Manuela Schwesig, Bundesministerin für Familie, Frauen und Jugend (BMFSFJ), wurden beim 34. Kongress erneut aktuelle Themen aus der Berufs- und Gesundheitspolitik aufgegriffen, die eine nach Geschlecht differenzierende Medizin im Blick haben. Dazu zählten Themen wie das Social Freezing, die Priorisierung, das Mammographie-Screening und die Quote im Gesundheitswesen. Für DÄB-Ärztinnen von besonderem Interesse waren die für sie exklusiv angebotenen Workshops, die sich mit Sprache, Kommunikation, Rhetorik und Präsentation beschäftigten sowie ein Deeskalationskurs, der sich mit Präventionsmaßnahmen bei der zunehmenden Gewalt auch in Praxen auseinandersetzte.

Dr. med. Christiane Groß, M.A, Präsidentin des DÄB, bilanziert: „Der 34. Kongress ist seinem Motto vollständig gerecht geworden, hat aktuelle Themen und historische Bezüge verbunden. Die im Rahmen des Kongresses stattfindende Mitgliederversammlung hat darüber hinaus beschlossen, einen Pool von DÄB-Ärztinnen einzurichten, die aktiv Hilfe bei der medizinischen Versorgung von Flüchtlingen, insbesondere für Flüchtlingsfrauen und Familien leisten wollen. Dies ist für den DÄB ein Gebot der Stunde - ebenso wie die Forderung des DÄB an die Bundesregierung, eine verständliche, transparente Darstellung über die Auswirkungen des Transatlantischen Freihandelsabkommens (TTIP) auf das deutsche Gesundheitswesen und eine Offenlegung der Geschlechterperspektive bei allen TTIP- Verhandlungen zur Verfügung zu stellen. Der Deutsche Ärztinnenbund begrüßt in diesem Zusammenhang die Erklärung der Präsidenten und Vorsitzenden der Heilberufe von BÄK, KBV, BZÄK, ABDAS und KZBV, „Vielfalt des europäischen Gesundheitswesens und Freiberuflichkeit bewahren“.

Den renommierten und diesmal mit 5.000 Euro dotierten Wissenschaftspreis des DÄB, der im zweijährigen Turnus seit 2001 vergeben wird, teilten sich in diesem Jahr Dr. med. Elisabeth Livingstone und Dr. med. Jelena Kornej.

Dr. med. Elisabeth Livingstone, Oberärztin in der Hautklinik des Uniklinikums in Essen, hat untersucht, inwieweit Statine, die einen erhöhten Cholesterinspiegel im Blut senken, auch das Fortschreiten von bösartigen Hauttumoren (Melanomen) beeinflussen. Sie wollte wissen, ob sich ein Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Patienten oder weiblichen und männlichen Zelllinien der Melanome feststellen lässt. Es stellte sich heraus, dass Männer von der Statineinnahme profitierten, Frauen dagegen nicht.

Dr. med. Jelena Kornej vom Herzzentrum Leipzig ging der Fragestellung nach, ob es zwischen Männern und Frauen einen Unterschied in der Zahl von thrombembolischen Komplikationen nach Linksherz-Kathetereingriffen gibt. Die Ergebnisse zeigten – bei geringer Embolierate in beiden Geschlechtern - keinen signifikanten Unterschied zwischen Männern und Frauen, allerdings waren thrombembolische Komplikationen bei Männern und Frauen mit unterschiedlichen Prädiktoren assoziiert. In der Laudatio würdigte die Vizepräsidentin des Ärztinnenbundes, Prof. Dr. med. Gabriele Kaczmarczyk, die Arbeiten von Dr. Livingstone und Dr. Kornej als weitere Beispiele für die Notwendigkeit, nach Geschlechterunterschieden zu suchen und dadurch die Krankenversorgung in Deutschland zu verbessern.

Ein zusätzlicher mit 500 Euro dotierter Nachwuchsförderpreis wurde an Anna Lawson McLean, Studentin der Humanmedizin an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena, für ihre Arbeit „Geschlechtsspezifische Unterschiede des Wachstumsverhaltens von Tumoren des zentralen Nervensystems bei Patienten mit Neurofibromatose Typ 2“ vergeben. Sie fand dabei heraus, dass Frauen häufiger an Neurofibromatose 2 erkranken als Männer. Das geschlechtsabhängige Verhalten der Tumoren könnte durch spezifische hormonabhängige Rezeptoren in verschiedenen Tumorarten bedingt sein. Besonderes Augenmerk sollte auf schwangere Patientinnen gelegt werden, da während in dieser Zeit antiangiogene Medikamente ausgeschlossen und chirurgische Operationen limitiert sind. Zukünftige Forschung sollte darauf abzielen, geschlechtsspezifische Unterschiede in der klinischen Symptomatik zu identifizieren.

Die Auszeichnung als Mutige Löwin ging an die Gynäkologin Dr. med. Monika Hauser. Dr. Hauser gründete in den 90iger Jahren die Frauenrechtsorganisation medica mondiale (www.medicamondiale.org) mit dem Ziel, kriegstraumatisierten Frauen medizinische und psychologische Hilfe zu leisten. Für ihre Initiativen nahm sie zahlreiche Auszeichnungen entgegen, unter anderem den als Alternativer Nobelpreis bekannten Right Livelihood Award 2008. Dr. Hauser setzt sich für dafür ein, dass sexualisierte Kriegsgewalt als Menschenrechtsverletzung anerkannt wird und leistet traumasensible Unterstützung für die Überlebenden von Gewalterfahrungen.

Im Rahmen des Festabends wurde der Kinder- und Jugendbuchpreis des DÄB, die Silberne Feder, an Andreas Steinhöfel für sein Kinderbuch „Anders“, erschienen im Carlsen Verlag, verliehen. Der vielfach ausgezeichnete Autor setzt sich in „Anders“ in hervorragender Weise mit dem Thema Gesundheit und Krankheit auseinander. Die Auszeichnung ist mit 2.000 Euro dotiert. Das Buch erzählt die Geschichte eines elfjährigen Jungen, der nach einem Unfall neun Monate lang im Koma liegt und ins Leben zurückkehrt. Sprachgewandtheit und eine raffinierte literarische Konstruktion halten die Leserinnen und Leser bis zum Schluss in Atem.

Eine Dokumentation der Vorträge und Präsentationen folgen.

Zur Bildergalerie >>>
Mehr zum Thema